Blockchain: Buzzword oder Revolution?

Digitalisierung, Disruption, Revolution … in diesem Spannungsdreieck  gibt es einen Begriff, der wie ein Brennglas sämtliche Diskussionen konzentriert: Blockchain! Was verbirgt sich dahinter? Was ist so revolutionär? Woran könnte es auch scheitern? Bevor wir Vor- und Nachteile erörtern, Potentiale beschreiben und mit drei Thesen einen Blick in die Zukunft werfen, empfiehlt es sich, so nüchtern wie möglich, die Begrifflichkeiten der sehr komplexen Materie zu klären.

Blockchain –„Blockkette“

Zunächst bezeichnet ‚Blockchain‘ in der direkten Übersetzung des Google Translators nichts anderes als „Blockkette“; eine lange Kette aus Zeichen, die als Datenbank funktioniert. Ein Eintrag, also z. B. eine neue Transaktion, bezieht sich immer auf den letzten Eintrag in der Datenbank und kann damit nicht manipuliert werden. Sich ständig mitentwickelnde Prüfsummen, die den letzten Eintrag abchecken, sichern die Korrektheit ab. Insofern kann das Blockchain-Konzept als ein digitales Register betrachtet werden, das die Transaktionen zwischen einem Empfänger und einem Sender aufzeichnet.

Ein besonderer Umstand der Blockchain ist ihre Dezentralität. Die Blockchain wird von mehreren Rechnern – den Teilnehmern von Transaktionen – verwaltet. Die riesige Datenbank liegt nicht auf einem zentralen Server oder bei einem Unternehmen, sondern ist über viele Rechner verteilt. Jeder Nutzer besitzt eine eigene und vollständige Blockchain-Kopie. Noch bevor Transaktionen stattfinden können, müssen diese von jedem Rechner aus bestätigt werden – und das verschlüsselt, um die Transaktionssicherheit gewährleisten zu können.

Und was bringt das?

Die Blockchain ist ein neutrales System zur Verarbeitung von Informationen; es gehört niemanden, ist nicht zu manipulieren oder zu hacken. Der Schutz vor Manipulationen ist erst dann gefährdet, wenn ein Angreifer über mehr als die Hälfte des gesamten Netzes verfügt. In dezentralen Systemen, wie der Blockchain, gibt es keine zentrale verwaltende Instanz mehr, die sagt, was falsch oder richtig ist.

Ihr großes und gegenwärtig vielfach diskutiertes Potential beschäftigt besonders Akteure der Finanzmärkte, denn: Banken beispielsweise, als zentral agierende Instanzen, werden durch Blockchain – etwas unverblümt ausgedrückt – überflüssig. Wer auch immer etwas überweisen möchte, kann durch die Blockchain-Verwendung den Weg über Finanzhäuser vermeiden, die ja in Verwaltung, Überweisung und Überwachung einen Großteil ihrer Daseinsberechtigung haben.

Durch das weite Feld der Eigenschaften und Potentiale, sind natürlich vielfältige Einsatzgebiete der Blockchain in Finanzdienstleistungen denkbar: Settlement von Wertpapieren, Abwicklungen von internationalen Überweisungen oder Akkreditiven, Real-Time-Zahlungen und und und.

Es ist also nicht überraschend, dass Banken und Finanzinstitute, Börsen, Startups und Unternehmen dieser Tage in mehr oder weniger konkrete oder zukünftige Projekte investieren, die sich um Blockchain drehen.

Vor- und Nachteile

Durch die Dezentralisierung und schwere Manipulierbarkeit bringt die Blockchain-Technologie etwa folgende Vorteile mit sich: Transaktionen erfolgen mit hoher Transparenz, Bewegungen jeglicher Art lassen sich äußerst akkurat nachverfolgen und diverse Verwaltungskosten werden massiv reduziert. Die Abwesenheit neutraler/vermittelnder Instanzen bringt nicht nur einen sicheren Transaktionsverkehr mit sich; Sender und Empfänger profitieren auch von einem beschleunigten Abwicklungstempo. Waren es im Geschäftsleben bislang Hauptbücher, die die Einzelheiten von Transaktionen verwaltet haben, tritt nun die dezentrale Datenbankkette an deren Stelle.

Auf der anderen Seite der Medaille gibt es natürlich auch nachteilige Aspekte der Blockchain-Technologie. Sie:

  • ist durchaus kompliziert und in vielen Teilen sogar äußerst komplex,
  • sieht sich regulatorischen Hemmnissen gegenübergestellt,
  • macht Probleme bei der Implementierung,
  • hat einen immensen Verbrauch an Energie und an Rechenkapazitäten und
  • es fehlt ihr an Durchsetzungs-Performance, da es keine übergeordnete Autorität gibt.

Wie geht es weiter?

Vor über 20 Jahren wusste niemand so richtig, wie „sich das mit diesem Internet so entwickeln wird“. Selbst Spitzenpolitiker sprachen das Internet betreffend vor einigen Jahren noch von Neuland. Niemand konnte ahnen, auf welche Weise das Internet unser Leben prägen und verändern würde. Das ist derzeit mit Blockchain nicht ganz unähnlich; insofern überlassen wir den Blick in die Glaskugel lieber anderen.

Aber bei allen Innovationen, die sich in die Startlöcher begeben, lassen sich zumindest die aktuellen Rahmenbedingungen analysieren und den Potentialen von Innovationen gegenüberstellen.

These 1: Hemmschuh Bürokratie

Auch wenn Hersteller längst in der Lage sind, Autos autonom fahren lassen zu können, sehen wir diese auf unseren Straßen immer noch nicht. Der Grund: Von der Kfz-Versicherung bis zur Rechtsprechung ist niemand darauf vorbereitet, Risiken zu übernehmen oder diese gar in Geschäftsmodellen abzubilden. Die drängenden Haftungsfragen sind alle nicht im Ansatz geklärt, von ethischen Bedenken ganz abzusehen. Der Hemmschuh Bürokratie wird es auch der Blockchain schwermachen, schnell Fuß zu fassen. Viel zu viele Akteure haben Angst vor Macht-, Aufgaben- und Geldverlust, um sich auf dezentrale Innovationen einzulassen. Niemand in Politik und Wirtschaft hat ein tatsächliches Interesse, etablierte Zentralkontrollen über Bord zu werfen; das widerspricht dem Wesen der Bürokratie. Blockchain wird sich dadurch über Jahre verzögern.

These 2: Urplötzliche Lawine

Schon mehrfach haben Innovationen lange bestehende, traditionelle Geschäftsmodelle, Produkte, Technologien oder Dienstleistungen abgelöst oder vollständig verdrängt. In der sich immer schneller drehenden Digitalisierungsspirale wird Blockchain zum Platzhirsch, der Usern und findigen Startup-Unternehmen massive Vorteile bietet – die diese auch kräftig nutzen. Wie WhatsApp die SMS verdrängt hat, wird Blockchain an die Stelle unnütz komplizierter und kostenintensiver Prozesse treten – und zwar schneller, als manchen lieb ist. So wie Bitcoin sich im Währungsbereich in wenigen Monaten etabliert hat und sich trotz aller technischen Umstände im Wechselkurs grandios entwickelt, kann Blockchain als Basistechnologie explodieren!

These 3: Hyper, Hyper

Eine andere denkbare Entwicklung ist die, dass Blockchain ein sperriger Begriff bleibt, dessen Dimensionen von nur Theoretikern diskutiert werden. Zu viele Fragen bleiben ungeklärt und gehen am genervten Endanwender vorbei. Genau wie die Google-Brille schon mehrfach beschworen wurde, sich aber doch bis heute nicht in der Breite durchgesetzt hat, wird Blockchain ein Hype bleiben, der ein Hype bleibt und ein Hype bleibt.

Halten wir fest: Blockchain hat Potentiale, die es wahrscheinlich machen, dass kräftig spürbare Veränderungen eintreten. Wahrscheinlich werden digitalaffine Institutionen und Player mit dem Einsatz von Blockchain schon eher morgen als übermorgen Erfolge verbuchen. Aber wer nicht mit offenen Augen und gespitzten Ohren verfolgt, was an der Blockchain-Front gerade passiert, der begibt sich selber und freiwillig auf ein Abstellgleis. Ein Monitoring zu Blockchain-Veröffentlichungen darf als Grundanforderung gelten. Stay tuned!

Profilbild von Thorsten  Greiten
Thorsten Greiten

studierte BWL mit den Schwerpunkten Steuerlehre und Wirtschaftsinformatik an der Universität Mannheim. Er ist Geschäftsführer der NetFederation GmbH und fachlich verantwortlich für den Bereich Digital Finance & Banking. Seit 2003 untersuchen er und sein Team von Spezialisten jährlich die Internetauftritte von 110 Unternehmen aus DAX30, MDAX, SDAX und TecDAX.

Mehr