Digitalisierung: Berufstätige sehen sich schlecht gerüstet

Der hiesige Arbeitsmarkt steht aufgrund der Digitalisierung aller Branchen  unter einem hohen Veränderungsdruck. Wirtschaftsexperten gehen davon aus, dass etwa 35 Prozent aller Beschäftigten in den Industrieländern sich innerhalb der nächsten zwei Jahre auf veränderte Anforderungen einstellen müssen – angetrieben vor allem durch den technologischen Wandel. Doch die meisten Berufstätigen sehen sich nicht optimal für die digitale Arbeitswelt gewappnet. Ernüchternd: Sieben von zehn Befragten haben im Job keine Zeit für Weiterbildungen

Der Mehrheit fehlt es für Weiterbildungen an Zeit und Angeboten, um im Job mit den Anforderungen der Digitalisierung Schritt halten zu können. Das ergab eine repräsentative Bevölkerungsbefragung im Auftrag des Digitalverbands Bitkom. Dabei stehen die Erwerbstätigen unter einem hohen Anpassungsdruck. Viele Branche sehen sich mit der Digitalisierung bereits konfrontiert: Immer mehr Kunden informieren sich heute online und suchen beispielsweise Autohäuser gerade noch ein einziges Mal auf - zur Probefahrt und zur Bestellung. Auch der Beruf des Zahntechnikers wird zunehmend verdrängt, da die Produktion von Zahnersatz heute mit einem 3D-Drucker schneller und kostengünstiger erledigt wird.

Der Veränderungsdruck ist hoch. Berufstätige müssten eigentlich viel Zeit in die Weiterbildung investieren, doch die Realität ist ernüchternd: Sieben von zehn Beschäftigten beklagen, dass während der Arbeit keine Zeit für eine Weiterbildung zum Umgang mit neuen, digitalen Technologien bleibt. Sechs von zehn sagen, dass ihr Arbeitgeber keine Weiterbildungen zu Digitalthemen anbietet. Und vier von zehn erklären, dass ihr Arbeitgeber vermehrt auf neue, digitale Technologien setzt, ohne in die dafür erforderliche Weiterbildung seiner Mitarbeiter zu investieren.

Digitalkompetenz künftig an erster Stelle

Bislang zählten vor allem die fachliche sowie die soziale Kompetenz. Doch nun kommt eine weitere hinzu: Drei von vier Erwerbstätigen sind der Ansicht, dass Digitalkompetenz für ihren Arbeitsplatz genauso wichtig sein wird. Acht Prozent meinen sogar, dass diese in Zukunft die wichtigste Fähigkeit von Arbeitnehmern sein wird. Bitkom-Präsident Achim Berg sagt: „Fragt man Geschäftsführer und Personalentscheider, zeigt sich ein ähnliches Bild. Digitalkompetenz wird in allen Branchen zur Kernkompetenz.“ Schon heute sind digitale Technologien im Job nicht mehr wegzudenken. Acht von zehn Erwerbstätigen sagen, dass digitale Technologien wie Computer, Internet oder digitale Produktionsmaschinen für ihre tägliche Arbeit eine große Bedeutung haben. Jeder Dritte hat bereits eine Weiterbildung zur richtigen Bedienung von Standardprogrammen gemacht. Jeder Vierte dagegen hat dazu noch keine Weiterbildung absolviert, obwohl es im Job hilfreich wäre.

Drei Viertel bilden sich privat weiter

Mit der fortschreitenden Digitalisierung der Arbeitswelt ist auch lebenslanges Lernen gefordert. Das Bewusstsein dafür ist bereits angekommen: Jeweils etwa neun von zehn Bundesbürgern ab 14 Jahren sagen, dass lebenslanges Lernen im Zusammenhang mit Digitalisierung immer wichtiger wird. Auch, dass  Weiterbildungen zu Digitalthemen die Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöhen und Weiterbildungen zu digitalen Technologien Voraussetzung für Erfolg im Beruf sind, schätzen fast alle Befragten als wichtig ein. Daher ist die Bereitschaft, sich außerhalb des Jobs weiterzubilden, entsprechend groß. Drei Viertel der Bundesbürger bilden sich privat weiter. Immerhin ein Viertel der Befragten bildet sich konkret mit Computer-Programme wie Microsoft Office oder Adobe Photoshop weiter.

Online-Tutorials machen lebenslanges Lernen leichter

„Digitale Lernformate wie Online-Tutorials, Lern-Apps wie etwa fürs Smartphone sind vielseitig und leicht zugänglich. Sie lassen sich immer und überall nutzen – etwa auf Bahnfahrten oder im Wartezimmer“, sagt Berg. Neue Technologien ermöglichen es, Inhalte genau an den individuellen Wissensstand und Lernfortschritt anzupassen. Das bestätigt auch die Studie: Knapp neun von zehn Nutzern digitaler Lernformate sehen den Vorteil, sich immer und überall weiterbilden zu können. Sechs von zehn sind überzeugt, mit digitalen Lernformaten schneller und zielgerichteter lernen zu können. Außerdem gibt knapp die Hälfte an, dass digitales Lernen mehr Spaß macht als mit klassischen Methoden.

Unternehmen und Politik sind gefragt

Viele mittelständische Unternehmen beklagen, dass der Arbeitsmarkt leergefegt sei und qualifizierte Mitarbeiter fehlen. Folglich spielt die Förderung der Mitarbeiter in den Unternehmen eine immer wichtigere Rolle. Unternehmen müssen künftig damit leben, dass sie Mitarbeiter stärker im eigenen Haus weiterbilden müssen. Der Bitkom fordert, die Politik dürfe die Unternehmen bei dieser wichtigen Aufgabe nicht alleine lassen. Es sollten staatliche Programme aufgelegt werden. Um die Bereitschaft zu Weiterbildungen zu erhöhen, könnten für Unternehmen und Erwerbstätige gezielt Anreize geschaffen werden, etwa durch Steuererleichterungen. Der Verband appelliert allerdings an die Unternehmen: „Bei der derzeit allgemein guten Auftragslage versäumen es viele Unternehmen, in das Geschäft und die Mitarbeiter von morgen zu investieren. In Zukunft braucht es vor allem sehr gut qualifizierte Fachkräfte – dafür müssen auch die Unternehmen sorgen.“

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Lisa Priller-Gebhardt

 ist freie Journalistin und schreibt über die deutsche Medienlandschaft, vorwiegend für das Fachmagazin Werben & Verkaufen, aber auch für Kontakter, Welt am Sonntag, SZ sowie den Blog der BLM. Themenschwerpunkte sind Fernsehen, Digitalwirtschaft sowie Printmedien. Nach einem Volontariat bei Hubert Burda Media und dem Besuch der Deutschen Journalistenschule in München arbeitete sie für Bunte, Bild, Freundin, Antenne Bayern und die Jugendbeilage der Süddeutschen Zeitung, Jetzt.

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