Digitalisierung, Innovation & die Politik

Wer es sich aktuell die Diskussion in der Regierungsbildung um Digitalisierung anschaut, der ist zu recht schockiert. Da wird Digitalisierung wie Infrastruktur behandelt. „Schnelles Internet für alle“ lautet die Devise. Der Ausbau unserer digitalen Infrastruktur ist mit Sicherheit wichtig, was aber in der gesamten Diskussion zu kurz kommt, ist ein Verständnis über die Bedeutung der Frühphase der Innovation und das Potenzial radikal neuer Technologien und deren Anwendung.

Der begrenzte Blick der Politik auf die Digitalisierung ist ein Problem

Warum das wichtig ist? Die Werttreiber in der Ökonomie der Zukunft werden sich mit hoher Wahrscheinlichkeit in radikal anderen Technologien finden als im schnellen Internetzugang. Die Nachfrage nach schnellem Internet ist da, die Technik auch. Es gilt umzusetzen, zu regulieren und ggf. auch mal zu incentivieren. Aber unsere digitale Zukunft ist das nicht. Was Technologen und VCs weltweit beschäftigt, liegt in anderen Bereichen: Blockchain, Kryptowährung, künstliche Intelligenz, Augmented and Virtual Reality. Alles was heiß diskutiert wird, findet in den politischen Programmen kaum statt.

Radikale, nicht inkrementeller Innovation lässt “Late Adopter” im Regen stehen

Das ist ein Problem, denn die Gefahr bei radikaler, nicht inkrementeller Innovation ist ihr häufig anzutreffende exponentielle Charakter. Sie startet langsam, aber mit den ersten Killerapplikationen startet die Technologie durch. In der Frühphase werden Assets aufgebaut, die es späteren Einsteigern unglaublich schwermachen, in den Zukunftsfeld noch mal rein zu kommen. Ein Beispiel: Trotz seiner Dominanz bei Betriebssystemen, ist es Microsoft nicht gelungen, das Mobiltelefon “zu knacken”. Es war für App-Entwickler einfach nicht wirtschaftlich neben Android und Apple, noch ein weiteres Betriebssystem zu bedienen. Das Produkt war dadurch trotz guter Software nicht wettbewerbsfähig. Wenn heute die Firma “DeepL” im Bereich der Übersetzung aus Deutschland heraus Google Paroli bietet, dann liegt das zum einen an schlauen Kombinationen von neuronalen Netzen, aber mit Sicherheit auch an einer frühzeitig aufgebauten Datenbank an vorhandenen Übersetzungen, mit denen sich die AI-Systeme einfach besser anlernen lassen.

Auch erfolgreiche Groß-Unternehmen sind zu langsam

Das Verständnis über exponentielle Innovation kommt übrigens nicht nur in der Politik zu kurz, auch viele Unternehmen nehmen eine abwartende Haltung ein, schließlich ist die Digitalisierung ja nur einer von vielen Megatrends, die unsere Wirtschaft bestimmen. Da ist zum Beispiel die Globalisierung, in der sich die deutsche Wirtschaft sehr gut aufgestellt hat. Was bei Technologie und digitaler Technologien aber problematisch ist, ist eben genau diese brutale Mechanik der Notwendigkeit einer rechtzeitigen Positionierung. Wer zu spät kommt, hat schon verloren. Gleichzeitig besteht in der Frühphase das enorme Risiko, massive Gelder zu verbrennen. Das liegt in der Natur der Sache. Es ist aber alternativlos für viele Unternehmen, Wetten mit heutigen Gewinnen einzugehen, um an den richtigen Stellen der Technologisierung und Digitalisierung positioniert zu sein. Share- und Stakeholder müssen akzeptieren, dass kein vernünftig agierendes Unternehmen sich offene Flanken lassen kann, denn wenn es mit der viel zitierten Disruption los geht, ist es für Investitionen vielleicht schon zu spät.

Die Politik muss Investitionsanreize schaffen und Leuchttürme bilden

Jetzt stellt sich natürlich die Frage was die Politik denn tun soll? Anreize für die Investition in radikale Innovation setzen! Und zwar sowohl im Bereich der Start-up Finanzierung als auch der großen Unternehmen. Andere Länder sind diesen Weg bereits gegangen, es wird höchste Zeit, dass Deutschland als technologieorientierte Technologie-Nation nachzieht. Außerdem gilt es den richtigen Grundgedanken der Elite-Universitäten radikaler umzusetzen. Wir brauchen die akademischen Leuchttürme bei digitalen Zukunftstechnologien und dazugehörigen Brutstätten für neue Unternehmen, die dies radikalen Technologien nutzen.

Profilbild von Prof. Dr. Jürgen Seitz
Prof. Dr. Jürgen Seitz

ist Professor für Marketing, Medien und die Digitale Wirtschaft an der Hochschule der Medien in Stuttgart (www.hdm-stuttgart.de). Davor war er Geschäftsführer und Gründer der United Internet Dialog GmbH, einer Performance- und Digitalmarketing Firma der United Internet Gruppe. Darüber hinaus verantwortete er das Produktmanagement der United Internet Media AG und war maßgeblich am Wachstum zum marktführenden Vermarkter in Deutschland beteiligt.

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