Kolumne: Ja! Aber! Und der kleine Raketenforscher.

Im Rahmen von Veranstaltungen ist es für mich ein absolutes Muss, im Anschluss an meine Vorträge in die Diskussionen mit den Zuhörern einzusteigen. Oft finden diese Gespräche aber abseits des Podiums und eher bei Fingerfood und Kaltgetränken statt. Als ehemaliger Online-Marketer messe ich so direkt die Response auf von mir vorgestellte Beispiele und/oder von mir vorgeschlagene Veränderungsweisen.

In meinen Vorträgen zeige ich gerne begeisternde, bereits existierende Geschäftsmodelle und wecke damit die Faszination für diese Themen im Publikum. Egal ob Uhren, die die eigenen Kinder orten oder selbstfahrende Traktoren – all diese Themen wecken in jedem von uns den kleinen Erfinder, der man als Kind bestimmt mal gewesen ist und lösen bei uns allen die gleiche Frage aus: Warum habe eigentlich nicht ich eine selbstlandende Rakete erfunden?

Im Weiteren verlasse ich dann meistens die Flughöhe der abstrakt scheinenden Geschäftsmodelle und komme näher an greifbare Modelle heran. Egal ob Amazons Gemischtwarenladen oder subventionierte E-Mobilität. Hier wird schon konkreter, welche Verdrängung andere (ebenfalls faszinierende) Erfindungen in der globalisierten Weltwirtschaft auslösen und was das auch für das eine oder andere Geschäftsmodell in Konsequenz bedeutet.

Kommen wir jetzt zu den einleitend erwähnten Gesprächen. Meine Gesprächspartner versuchen mir dabei sehr oft mit großer Inbrunst, die vorgestellten Geschäftsmodelle als sinnlos und zum Scheitern verurteilt darzustellen. In Teilen kann ich dabei nur zustimmen. Ich bin ebenfalls nicht von allen Erfindungen und Geschäftsmodellen überzeugt, die ich vorstelle. Doch es ist wie es ist (#isso): diese Modelle befinden sich am Markt und verändern die Marktverhältnisse. Auch wenn es nur marginal spürbare Effekte sein sollten.

Als Wirtschaftsinformatiker habe ich gelernt, aus wiederkehrenden Prozeduren bestimmte Muster zu abstrahieren. Am Rande habe ich irgendwann unbeabsichtigt begonnen, bestimmte Muster in Bausteine der Verdrängung umzuwandeln und ich bin mir sicher: wir alle werden uns gegebenenfalls auch im Folgenden wiederfinden.

Baustein 1: Die Einleitung mit „Ja, aber“

Hierbei handelt es sich um die führende und fast schon standardisierte Eröffnung der Meinungsbekanntgabe. Zwar wird die verbreitete und sehr gute Grundeinstellung, man müsse etwas  verändern, bejaht, jedoch sofort mit dem „aber“ wieder verneint. Wer Veränderung will, muss auch sich verändern wollen.

Option 1: „die“

Dieses „die“ steht stellvertretend für alle Erfinder oder Gründer von digitalen Geschäftsmodellen, oft „die Amerikaner“, „die von Google“ oder (in bereits von der Disruption „betroffenen“ Märkte) auch „diese… diese“ in Bezug auf einzelne Internetunternehmer.

Option 2:„in Deutschland ist das“

Dieser Zusatz ist meist der Beginn einer Aufzählung von Gründen, warum in unserem Ökosystem bestimmte Themen in Bezug auf Datenschutz, auf Lobbyverbände und/oder auf technologische Infrastrukturen nicht realisierbar sind. Also normalerweise viele gute Gründe für wildes Protestieren. Hier entpuppen sich diese Gründe aber scheinbar als schützende Mechanismen.

Abschluss: „alles eine Blase“, „zum Scheitern verurteilt“ oder „wird sich nicht durchsetzen“.

Jaja, das Internet, diese Modeerscheinung.

In der Psychologie werden oft zu unterschiedlichsten Anlässen 4-Phasenmodelle definiert. Ob zum Beispiel in der Trauer- oder in der Trennungsforschung – alle diese Theorien basieren auf ähnlichen Prinzipien. Meistens beginnt es mit dem Nicht-Wahrhaben-Wollen, durchläuft irgendwann eine schützende Wut- oder Ablehnungshaltung und endet irgendwann bei der Neuorientierung.

Neuorientiert? #Neuorientiertung! Das halte ich für DIE positive Erkenntnis dieser Gespräche und all dieser Veranstaltungen. Vielleicht dienen wir Referenten ja als ein Lotse? Und wenn z. B. einer meiner Vorträge für eben genannte Selbstentwicklung dient, dann ist meine „Provokation“ mehr als zielführend. Wenn also der Effekt eines Vortrags ist, dass sich Menschen schneller in Richtung Neuausrichtung bewegen, dann war ich wirklich erfolgreich. Vorausgesetzt, es gelingt dem Referenten, positive Begeisterung für neue Produkte und Services zu wecken.

Meine Aufforderung zum Ende meiner heutigen Kolumne ist eine Bitte an alle Veränderungswilligen. Betrachten Sie alles (besser: vieles), über das Sie Kritisches lesen, von dem Sie Unglaubliches hören oder was bei Ihnen eine ablehnende Haltung provoziert, mal aus Sicht eines neutralen Anwenders. Spielen Sie damit, schauen Sie Videos über es und probieren Sie es ggf. einfach mal selber aus. Seien Sie ein kleiner Raketenforscher. Fahren Sie im Ausland mal mit uber Taxi, buchen Sie mal eine Übernachtung über Ihr Handy bei AirBnB oder bestellen Sie sich mal ein neues Outfit bei Outfittery. Los geht's! Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.