Warum stresst uns Digitalisierung?

Wir bewegen uns in einer Digitalisierungsspirale, die kaum noch aufzuhalten ist. Diese sechs Phänomene sind der Grund dafür.

Unser Leben findet online statt. Mit der fortschreitenden Digitalisierung sind alle Informationen jederzeit und überall abrufbar. Aber nicht jeder ist mit dieser Entwicklung einverstanden. Vor allem in Deutschlands Führungsetagen scheint das Thema Ablehnung – und sogar Panik – zu verursachen. Aber warum wird ausgerechnet jetzt so hitzig darüber diskutiert? Der Prozess findet seit Jahren statt. Aber erst in den letzten Monaten scheint er solchen Wirbel zu entfachen.

Prof. Peter Kruse, der 2015 leider viel zu früh verstarb, stellte vor ein paar Jahren eine Reihe von Thesen auf, mit denen sich auch die aktuellen Entwicklungen erklären lassen. Im Grunde lassen sich sechs Ansätze festhalten:

1. Wir vernetzen uns stärker

Die Vernetzungsdichte steigt momentan exponentiell. Das heißt, die Zahl der vernetzbaren Endgeräte und Anwendungen erhöht sich drastisch. Wir schaffen uns immer mehr Geräte für immer neue Funktionen an. Das „Internet der Dinge“ sorgt für Innovationen und Erfinderdruck. Die großen Marken wie Google, Apple oder Samsung müssen ständig und mit hoher Geschwindigkeit ihre Produktpaletten erweitern. Die Abstände, in denen neue Produkte vorgestellt werden, werden immer kleiner. Die Standards verändern sich immer schneller, wir versuchen mitzuhalten. Inzwischen ist alles mit allem verbunden: WLAN, Bluetooth, mobiles Internet – wir sind immer digital.

2. Die Verarbeitungs- und Speicherkosten sinken massiv

Was noch vor ein paar Jahren verspottet wurde, ist mittlerweile gang und gäbe. Dazu gehört auch die Cloud, die breite Akzeptanz bei „durchschnittlichen“ Usern findet. Inzwischen sind Apps nur noch für die Verarbeitung zuständig – gespeichert wird woanders. Unternehmen wie Amazon, Spotify und Netflix sind hier Vorreiter. Und auch den Platz für Ihre CD-Sammlung können Sie nun sinnvoll nutzen!

3. Wir werden spontaner

Es war noch nie so einfach, Bewertungen abzugeben und Meinungen zu äußern. Sie können jederzeit alles teilen, empfehlen und liken. Solche Funktionen und Push-Nachrichten regen dazu an, den Traffic durch spontante Aktivitäten zu erhöhen. Und zugegeben: Das italienische Restaurant um die Ecke ist wirklich gut.

4. Daten, Daten, Daten

Daten sind Währung. Unternehmen leben davon, alles über uns zu wissen. Also werden alle Daten gesammelt, die gesammelt werden können. Wie uns zuletzt der VW-Skandal gezeigt hat, hat die Datenflut auch ihre Nachteile. Die Zusammenarbeit von Maschinen und Daten in der deutschen Industrie hat völlig neue Dimensionen angenommen. Die Mittel zur Datensammlung, die Unternehmen und Institutionen heute benutzen, haben Orwells kühnste Vorstellungen längst überflügelt.

5. Wir werden immer intelligenter ausgewertet

Auch, wenn die Datensammlung immer unbegreiflichere Ausmaße annimmt, so steckt die Auswertung dieser Sammlungen doch noch in den Kinderschuhen. Wobei auch diese nicht zu unterschätzen sind: „Mitdenkende“ Maschinen liefern immer zuverlässiger Daten, die präzise Reaktionen voraussagen. In ihren Simulationen berücksichtigen sie relevante Szenarien und Umwelteinflüsse, die die Ergebnisse dieser Simulationen immer weiter optimieren.

In diesem Bereich warten in den nächsten Jahren auf jeden Fall noch große Überraschungen auf uns.

6. Es gibt keine Regeln

Die Digitalisierung ist zu schnell für die deutsch-europäischen Gesetze und Regulierungen. Was gestern noch galt, ist heute schon obsolet. Nicht nur das Urheberrecht müsste grundlegend überarbeitet werden. Was (technologisch) möglich ist, wird umgesetzt. Neue Geschäftsmodelle und Start-Ups sprießen wie Pilze aus dem Boden. Bis hier alle geschäftlichen Sonderfälle erfasst sind, kann es dauern - vor allem mit der immer noch aktuellen bürokratischen Geisteshaltung des Staates.

All diese Phänomene sind Bestandteile und Motoren der Digitalisierungs-Spirale, die sich immer schneller dreht. Schon jetzt unaufhaltsam, reißt sie alles mit sich, was nicht ohnehin zu ihr gehört. Das ist aber nicht nur Stress für alle, die digital unterwegs sind, sondern verspricht Chancen für Unternehmen, die gute Bewältigungsstrategien entwickeln.

Thorsten Greiten

studierte BWL mit den Schwerpunkten Steuerlehre und Wirtschaftsinformatik an der Universität Mannheim. Er ist Geschäftsführer der NetFederation GmbH und fachlich verantwortlich für den Bereich Digital Finance & Banking. Seit 2003 untersuchen er und sein Team von Spezialisten jährlich die Internetauftritte von 110 Unternehmen aus DAX30, MDAX, SDAX und TecDAX.

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