Vertikal ist das neue Horizontal – zumindest in Sachen Video

Videos müssen quer sein. Das war eine Regel, die für sehr lange Zeit als unumstößlich galt. Bei einem Verstoß: Belächeln, Kopfschütteln und schamlose Beleidigungen. Zu den ganzen vermeintlichen „Idioten“ von damals gesellen sich heute aber die ganz Großen im Netz. Sie springen im Akkord auf den Vertical-Video-Zug auf und zeigen eine optimale Ansicht im Hochformat. Nur ein kurzzeitiger Trend oder hat sich das hochkantige Video zum revolutionären Format gemausert?

Seien wir mal ehrlich: Vor nicht allzu langer Zeit haben wir uns, genau wie viele andere auch, mit Unmut über Videos ausgelassen, die hochkant gedreht wurden. „Da kann doch kein Mensch was erkennen!“ oder „Wenn man keine Ahnung vom Videodrehen hat, kommt hochkant dabei raus“ waren typische Sätze, die man vor allem 2011-2015 häufiger zu hören oder lesen bekam. Das „Vertical Video Syndrome“ wurde als schier unheilbare Krankheit verschrien, die alle befiel, die scheinbar zu Unrecht ein Smartphone mit Kamerafunktion besaßen. Umso erstaunlicher, dass gerade Snapchat eines der Social Networks mit den stärksten Zuwachszahlen ist und mit genau diesem Format arbeitet. Und auch Giganten wie Facebook und Twitter ermöglichen ihren Usern auf ihren Plattformen nun Videos im Hochformat optimal betrachten zu können.

Vertical Video Syndrome: Der Negativ-Hype war groß

Videos nicht im Querformat zu filmen war scheinbar ein wirklich ernstzunehmendes Problem in der Internetwelt. Etliche Videos, Memes und Social-Media-Posts wurden über das Vertical Video Syndrome verfasst, selbst große internationale Magazine berichteten darüber. Im Großen und Ganzen war der Tonus dabei allerdings (mit wenigen Ausnahmen) negativ und es wurde sich über all diejenigen köstlich amüsiert, die es wagten, mit ihrem Smartphone Bewegtbild im Hochformat aufzunehmen. Damals machten sich App-Entwickler sogar die Mühe, Anwendungen fürs Smartphone zu programmieren, die das Vertical Video Syndrome ein für alle Mal aus der Welt schaffen sollten (z.B. Horizon). Großen Unmut lösten Hochkantvideos auch auf YouTube aus. Dort war dieses Format lange Zeit nur mit großen, dicken, schwarzen Balken rechts und links des Bildes zu betrachten. Im Sommer letzten Jahres machte es der Videogigant dann aber möglich, auch Videos im Hochformat (zumindest mobil) in voller Bildschirmgröße optimal anzuzeigen. Eine Funktion, die am Desktop bis dato leider noch nicht verfügbar ist.

Wie Phoenix aus der Asche

Heute sieht das alles schon ganz anders aus. Die totgewünschte und verschriene Marotte wurde zum klaren Trend in der von mobiler Nutzung dominierten Internetwelt. Durch das junge soziale Netzwerk Snapchat, in dem vor allem über Hochkantvideos und -fotos kommuniziert wird, erlangte Vertical Video eine ganz neue Berechtigung. Snapchat ist eines der Top drei Netzwerke mit dem stärksten Nutzerwachstum. Ergo scheinen sich heutzutage immer weniger Menschen an Hochkantvideos zu stören bzw. immer mehr Menschen sogar Freude daran zu haben, Videos in genau diesem Format zu konsumieren und zu produzieren. Mit Instagram Stories zog in diesem Jahr auch der Network-Gigant Facebook nach und verpasste Instagram seinen eigenen Instant-Kurzvideo-Dienst, damit das größte Social Network den Trend um Handyvideo-Storys auch bloß nicht verpasst. Kurz darauf machte es Facebook auch möglich, vertikal aufgenommene Videos im Facebook-Stream optisch optimal konsumieren zu können. Die Videos haben nun keine unschönen schwarzen Balken mehr links und rechts, sondern werden auf volle Bildschirmbreite bzw. -länge gezogen und demnach genau so angezeigt, wie sie der Urheber auch aufgenommen hat. Mit einem neuen Feature, das sich „Media Studio“ nennt, springt jetzt auch Twitter auf den Zug auf. In einer Art Content Management System für Mediainhalte können nun auch Videos, die hochkant oder quadratisch sind, optimal geplant, ausgespielt und angezeigt werden.

Vertikale Videos wurden vom Gespött zum Trend

Warum ist das nun so, dass Hochkantvideos plötzlich zur normalsten und selbstverständlichsten Sache der Welt geworden sind? Die Antwort ist: Mobile first. Die User von heute lieben es, ihr mobile Device für alles Mögliche zu nutzen und deshalb lieben Unternehmen wiederum mobile Devices. Die mobile Nutzung von sozialen Netzwerken ist in den letzten Jahren rasant nach oben geschossen, natürlich möchten die in diesem Bereich führenden Unternehmen dann sicherstellen, dass die Immersion auf dem Smartphone in ihrem Netzwerk reibungslos und qualitativ hochwertig gegeben ist. Auch in Werbeanzeigen ist Vertical Video jetzt voll integriert. Snapchat hat es vorgemacht, wie gut Werbung im Hochkantformat funktionieren kann und Facebook tut es ihnen gleich. Es ist nicht verwunderlich, dass Videowerbung in diesem Format besser performt als die bisher bekannten – Hochkant nimmt (fast) den ganzen Bildschirm ein und das ist auch beim Newsfeed-Durchscrollen einfach nicht zu übersehen. User müssen also nicht erst auf das Video drücken, um es im Vollbildmodus ansehen zu können (und dann auch noch das Handy zu drehen!), sondern können es direkt im optimalen Großformat betrachten. So viel Komfort führt dazu, dass Ads schon eher mal zu Ende angesehen werden als zuvor.

Snapchat revolutionierte das Vertical Video Syndrome von einer Unart zur State-of-the-Art. So sehr, dass all seine großen „Social-Network-Geschwister“ sich ein Beispiel nahmen, den Trend auch für sich entdeckten und umsetzten. Wir können gespannt sein, wie sich unser mobiler Newsfeed in Sachen Video und Video-Ads nun verändern wird. Für die übrigen nicht-mobilen Devices bleiben fixe Hochkant-Monitore, -Fernseher und -Kinoleinwände jedoch (hoffentlich) nur ein Blick in die Zukunft mit Augenzwinkern. 

Nathalia Traxel

Nathalia Traxel ist bei d.Tales für Content Konzeption & Content Management verantwortlich und unterstützt Kunden vor allem in den Bereichen Content Distribution, aktives Themenmanagement, Copy Writing und Content Design. Sie besitzt einen B.A. in Online Journalismus mit Schwerpunkt PR und Kommunikation und war lange Zeit freie Mitarbeiterin und Online Redakteurin beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt.

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