Wie das Ende der Sondierungsgespräche das Unverständnis von Social Media entlarvt

„Lieber nicht regieren als falsch“, damit kommentierte die FDP ihren Rückzug aus den Sondierungsgesprächen zu einer Jamaika-Koalition. Das entsprechende Facebook Posting dazu ging kurz darauf durchs Netz und wurde heiß diskutiert. Aber weniger aufgrund der Aussage, vielmehr, weil die Meta-Daten der Grafik verrieten, dass das Sujet offenbar schon am 16.11. – also ein paar Tage vorher – erstellt wurde.

Besser gut vorbereitet als gar nicht.

Der Aufschrei erfolgte nicht nur von Politikern, sondern vor allem auch von Medien oder anderen „Experten“ und zeigt deutlich den Stand von Social Media in Deutschland – nicht nur politisch gesehen.

Denn eigentlich ist der Umstand, dass die Grafik schon Tage vor dem Ende der Sondierungen erstellt wurde, keinen Aufschrei wert, sondern verdient eher Anerkennung. Da hat jemand in der Social Media Abteilung seine oder ihre Hausaufgaben gemacht. Die Partei war auf ein Scheitern, auf eine Krise, vorbereitet. Sie hatte etwas in der Schublade, um schnell reagieren zu können.

Ein guter Social Media Manager denkt voraus

Wie oft wird gepredigt, dass Marken (ich schließe Parteien da jetzt einfach ein) auf eventuelle Krisen vorbereitet sein sollen, damit sie rechtzeitig reagieren können? Ein guter Social Media Manager denkt voraus, ist auf gewisse Eventualitäten vorbereitet, hat eine Sprachregelung oder gar einen kompletten Krisenplan parat.

Mit Facebook Live am schnellsten reagiert

Überhaupt haben die Freien Demokraten die Wähler über Facebook regelmäßig am aktuellen Stand teilhaben lassen – im Gegensatz zu den anderen Parteien. In „der heißen Phase“ der Sondierungen gab es täglich ein kurzes Update. Am 19. November gingen sie dann um kurz vor Mitternacht auf Facebook live, um vom Ende der Sondierungsgespräche zu berichten. Dort fiel dann auch das erste Mal der Ausspruch: „Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren.“

Die CSU beschäftigte sich lieber mit dem Wochenende

Die CDU postete am 17. November nachmittags ein Video über die Fortsetzung der Gespräche, um dann erst wieder am 20. November um halb drei Uhr morgens ein Video zum Ende der Sondierungen zu veröffentlichen. Die Grünen teilten am 18. spätabends noch einen Post, dass es in die abschließende Phase gehe und am 20. morgens ein Video mit einer Stellungnahme zum Scheitern. Die CSU postete am 16.11. etwas zum bevorstehenden TV-Auftritt von Ilse Aigner bei Maybritt Illner, um dann am 18. ein schönes Wochenende zu wünschen, am 19. an den Volkstrauertag zu erinnern und am 20.11. um kurz vor 2 Uhr morgens ein Zitat von Seehofer zum Sondierungsende zu veröffentlichen.

 

 

 

Social Media in der politischen Kommunikation

Allein die Art und Weise, wie die einzelnen Parteien kommunizierten, zeigt schon ein wenig den Stand von Social Media in der politischen Kommunikation. Es scheint sich zwar bei allen Beteiligten herumgesprochen zu haben, dass (Info-)Grafiken und Videos gut funktionieren, aber während die FDP sofort einfach mal die Stellungnahme Lindners per Facebook Live überträgt, gibt es bei der CDU ein achtminütiges Video von cdu.tv ohne Untertitel, die CSU begnügt sich gar mit einem Bild und Zitat von Seehofer und die Grünen veröffentlichen dann am nächsten Morgen ein dreiminütiges Video – aber immerhin mit Untertiteln.

Nachhilfe nötig

Social Media spielt in der politischen Kommunikation in Deutschland noch immer eine untergeordnete Rolle – und das bei über 30 Millionen Deutschen, die täglich allein Facebook nutzen. Hier gibt es noch viel Nachholbedarf. Obwohl Netzwerke wie Facebook mehr als geeignet dafür wären, der breiten Masse endlich einmal bürgernahe Einblicke in die Politik zu geben und die Parteien sie vielleicht sogar mal dafür nützen könnten, Politik verständlich zu machen.

Und der mediale Aufschrei über das „vorzeitig“ erstellte Sujet der FDP zeigt, dass nicht nur bei der Politik Nachhilfe nötig wäre.

Profilbild von Jochen Hencke
Jochen Hencke

Jochen Hencke ist bei d.Tales für Content & Marketing Konzeption zuständig und in den Social Media zu Hause. Bevor es den gebürtigen Berliner nach München zog, studierte er Journalismus und Unternehmenskommunikation an der FH JOANNEUM in Graz und baute anschließend die Salzburger Privatbrauerei Stiegl zu einer der führenden "Social Media Brauereien" im deutschsprachigen Raum auf. Seine Arbeit bei der Stieglbrauerei führte zu einigen Preisen, unter anderem wurde er mit dem Titel "Onliner des Jahres 2014" ausgezeichnet.

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