Fachkräftemangel: Können Flüchtlinge dem Fachkräftemangel im Mittelstand entgegenwirken?

Viele Flüchtlinge wollen arbeiten – und mittelständische Betriebe suchen in Zeiten von Fachkräftemangel dringend nach Arbeitskräften. Eigentlich eine Win-Win Situation! Doch ganz so einfach ist es bisher noch nicht.

Fast eine halbe Million potenzielle Arbeitskräfte unter den Flüchtlingen

Laut einer aktuellen Studie der Wirtschaftsberatung Ernst ' Young fehlen dem Mittelstand in Deutschland derzeit 326.000 Arbeitskräfte. 49 Prozent müssen daher Aufträge ablehnen. Dadurch gehen den Betrieben 46 Milliarden Euro verloren. Gleichzeitig strömt derzeit eine große Anzahl von Geflüchteten nach Deutschland, mehr als eine Million Menschen allein im Jahr 2015. Die Hälfte aller nach Deutschland kommenden Flüchtlinge ist unter 25 Jahren. Mindestens zehn Prozent haben eine akademische Ausbildung, außerdem sind Facharbeiter unter ihnen – und solche, die es werden wollen. Nach Schätzungen der Bundesagentur für Arbeit könnte der Zuzug daher für 380.000 potenzielle Arbeitskräfte mehr sorgen. Sind Flüchtlinge also die Lösung für den Fachkräftemangel? Und mittelständischen Betriebe auf der anderen Seite der Schlüssel zur Integration?

Mittelstand ist bereit, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken

Die Bereitschaft, Flüchtlinge einzustellen, ist in vielen mittelständischen Betrieben hoch. Laut der Ernst ' Young Studie gaben 85 Prozent der rund 3.000 befragten Betriebe an, Geflüchteten eine Arbeitsstelle geben zu wollen. 55 Prozent von ihnen sind auch der Meinung, dass Flüchtlinge den Fachkräftemangel mindern können. Auch bei mittelständischen Verbänden wie der Industrie und Handelskammer ist das Engagement groß, Flüchtlinge für den deutschen Arbeitsmarkt zu qualifizieren. Mit Aktionsprogrammen wie "Ankommen in Deutschland", eigenen Apps oder umfassenden Informationsveranstaltungen zur Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten werden sowohl Flüchtlinge als auch einstellende Betriebe informiert. Erste Erfahrungen zeigen jedoch, dass es trotz des Willens von Betrieben und Geflüchteten nicht leicht ist, Integrationsprobleme zu überwinden und dabei gleichzeitig den Fachkräftemangel einzudämmen.

Was fehlt sind politische Rahmenbedingungen

Deutschland ist, was die Flüchtlingsgesetze betrifft, zwar ein vergleichbar liberales, aber auch sehr formalisiertes Land. Zur Zulassung zu einer Ausbildung oder gar einem Beruf brauchen die Bewerber viele Dokumente. Nicht viele können bei der Flucht aus Krisengebieten an solche denken. Daher müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, bei denen Flüchtlinge in anerkannten Praxistests ihre Fertigkeiten unter Beweis stellen können. Die Handwerkskammer in Hamburg organisiert diesbezüglich beispielsweise mehrmals im Jahr eine Aktionswoche. Ein Beispiel, das Schule machen könnte. Ein großes Hindernis stellt weiterhin der Aufenthaltsstatus dar. Viele Betriebe stellen nicht ein, solange kein dauerhaftes Bleiberecht besteht. Auch hier müssen politische Rahmenbedingungen geschaffen und trotz des Risikos die Unternehmer zum Umdenken bewegt werden.