Gamification im Recruiting

Der Bewerbungsprozess ist eine nervenaufreibende Geschichte. Als Bewerber ist man gezwungen langwierig Stellenangebote zu suchen, herauszufinden und ob die Jobbeschreibung zu den eigenen Interessen passt. Im schlimmsten Fall ein langes Formular auf der Unternehmenswebsite auszufüllen. Gamification bietet eine Lösung: Ein spielerischer Anreiz kann den Prozess deutlich auflockern – und im besten Fall Spaß machen.

Der Französische Postdienstleister „Formapost“ hat ein Problem: Die Mitarbeiterfluktuation. Schon nach wenigen Monaten Einarbeitungszeit, üblicherweise nach einem Quartal, schmeißen neue Mitarbeiter hin. Die Folge sind erhebliche Kosten, die Recruiting und Neueinstellungen verursachen. Um dem entgegenzutreten, entscheidet sich Formapost schließlich für ein Prinzip, welches relativ neu ist im Recruiting: Gamification bzw. Spielifikation. In einem kleinen Browserspiel können nun angehende Postangestellte ausprobieren, wie es ist Postangesteller zu sein. Die „Jeu Factuer Academy“ führt den Spieler durch den Arbeitsalltag bei Formapost, inklusive frühem Aufstehen, Lernen über das Postsystem und Arbeitsethik. Der Hintergedanke: Spieler sollen spielerisch auf den Job vorbereitet und mit realistischen Erwartungen ausgestattet werden. Das Spiel hat immensen Erfolg. Die Rate von Jobabbrechern sinkt nach Einführung des Spiels von 25 Prozent auf magere 8 Prozent.

Das Beispiel zeigt Gamification lässt sich hervorragend einsetzen, um Recruiting zu vereinfachen. Das Setzen von Erwartungen ist dabei ein schon eher exotisches Beispiel. Alle Ansätze von Gamification-Anwendungen verbinden in der Regel diese Charakteristiken:

  • Status & Fortschritt eines Spiels: Über eine Status- oder Fortschrittsleiste wird dem Spieler signalisiert, wo er sich im Spiel befindet: Steht er nach fünf Minuten noch ganz am Anfang oder hat er es fast geschafft.  
  • Rankings & Titel: Wer spielt, der möchte Erfolge feiern. Ranglisten oder Auszeichnungen motivieren den Spieler sich mit anderen zu messen oder sich intensiv mit dem Spiel zu befassen.  
  • Aufgaben: Das zentrale Element ist das Lösen von kleinen Tests und Rätseln, die für Spielspaß sorgen. Das Ziel von Gamification-Designern ist es durch Aufgaben und Belohnungen an Handlungssträngen entlangzuführen und dem Spieler so Informationen zu liefern.  
  • Sinnhaftigkeit: Ein Spiel motiviert nur dann dazu weiter zu machen, wenn man ein Ziel vor Augen hat. Dieses Ziel ergibt sich in der Regel aus einer Geschichte oder einem tieferen Sinn der Aufgaben.  
  • Fokus: Anders als klassische Spiele verfolgt eine Gamification Anwendung immer einen Zweck. Im Beispiel geht es um realistische Erwartungen von neuen Mitarbeitern. Ebenso kann es um die Einführung neuer Produkte oder Berufsorientierung gehen.

Beispiele für den Einsatz von Recruitainment

Das Formapost Beispiel zeigt eine von vielen Möglichkeiten, wie ein spielerischer Ansatz zu einem effizienteren Recruitement führen kann. Im Folgenden werden 3 weitere Optionen dargestellt, wie Gamification vor innerhalb des Employer Branding Prozess eingesetzt werden kann.

1. Orientierung

Was soll ich bloß werden? Eine müßige Frage für viele Jugendliche. Der „Job Profiler“ der Deutschen Bahn nähert sich dem Problem spielerisch. Nach und nach werden die Interessen des Bewerbers abgefragt, jedoch nicht wie in einem drögen Fragebogen. Durch Drag-and-Drop verorten die Spieler ihre Stärken und Schwächen in einem Graphen. Kleine Entscheidungsfragen wie: „Ein Betrieb stellt ein Produkt her. Und du bist? A. In der Werkstatt. Ich nähe die Stoffe. B. Im Kundengespräch zur Farbauswahl“ verfeinern die Auswahl, ohne den Spieler zu langweilen. Am Ende gibt der Finder ein Ergebnis aus, was der User allgemein für ein Typ ist, bspw. Eher der Kreative oder eher der Verwalter. Dazu passend werden Ausbildungswege der Deutschen Bahn mit dem Untertitel „Einer davon könnte dein Traumberuf sein“ angeboten.

Für das Ausbildungsmarketing ist dies ein optimaler Einsatz von Gamification. Das Spiel ist für die junge Zielgruppe ansprechend gestaltet. Es motiviert dazu sich mit den eigenen Stärken und Schwächen zu beschäftigen und bietet durch seine Filter einen echten Mehrwert. Inzwischen eigentlich eine Selbstverständlichkeit: Der Job-Finder ist für mobile Endgeräte optimiert, um die Jugendlichen da abzuholen, wo sie sich am liebsten aufhalten.

2. Image

Die Bayer AG hat ebenfalls Gefallen am Gamification-Ansatz gefunden. Sie bietet ihre App „Bayercareer“ für iOS und Android an, in der zwei Spieler ähnlich wie bei „Quizduell“ gegeneinander antreten können. Dabei stellen sie ihr Wissen über den Pharma- und Chemiekonzern unter Beweis. Das Ziel des Spiels ist es natürlich Wissenswertes über die Geschichte der Firma zu vermitteln und ganz nebenbei ein positives Image aufzubauen. Potentiellen Firmennachwuchs soll die kleine Spielerei dabei unterstützen, sich spielerisch mit dem Unternehmen auseinanderzusetzen.

3. Auswahl

Wie findet man die Besten der Besten? Indem man sie in einem Wettbewerb gegeneinander antreten lässt. Google organisiert nunmehr seit 12 Jahren den Google Code Jam, bei dem junge Talente im Designen neuer Software miteinander konkurrieren. Als Gewinn ist ein Preis von 50.000 $ ausgelobt. Der eigentliche Hauptgewinn ist jedoch eher eine Anstellung bei Google. Der Konzern nutzt den Wettbewerb vor allem dazu, den Talentpool auf sich aufmerksam zu machen und potentiellen Nachwuchs anzulocken.

Wo geht die Reise hin?

Die Wirtschaftsinstanz unter den Magazinen „Forbes“ sieht in Gamification im HR einen Trend, der sich noch viel stärker verbreiten wird. Sicherlich wird die Entwicklung nicht bei Browsergames und Smartphone-Apps stoppen. „Virtual Reality“ (VR) ist der nächste große Trend, den Facebook mit seinem Kauf vom VR-Brillen-Hersteller „Oculus Rift“ unterstreicht. VR lässt den Nutzer in eine virtuelle Welt eintauchen, die über eine Brille sein gesamtes Blickfeld einnimmt. Dadurch ließe sich beispielsweise ein realistischer Einblick in stressreiche Jobs, wie Fluglotse oder Übersetzer, geben, um so potentielle Bewerber auf die alltägliche Arbeit vorzubereiten.

Letztendlich könnte es in Zukunft darum gehen, dass ein Bewerber in einem 3D-Umfeld seine Fähigkeiten spielerisch unter Beweis stellt. Das eröffnet Räume, um zu testen wie Bewerber mit Kunden oder Zeitdruck umgehen. Alternativ kann VR auch für das Image eines Berufs oder einer Firma sehr förderlich sein. Der Blick aus einem Cockpit macht Lust auf eine Pilotenausbildung, die Aussicht von einem Kreuzfahrtschiff steigert vielleicht das Interesse anzuheuern.

Großer Aufwand, große Wirkung

Egal wie es weitergeht, die Gamification ist im Recruiting angekommen. Für Personalentscheider bietet sie eine gute Möglichkeit zur Information oder Vorauswahl potentieller Mitarbeiter. Für den Bewerber wird eine stressreiche und langweilige Aufgabe, der Bewerbungsprozess, zu einer spannenden Angelegenheit, die den Arbeitgeber direkt interessanter macht. Zu beachten ist, dass ein Spiel viel Zeit und Budget in Anspruch nimmt. Vom Konzept zur Implementierung ist es ein weiter Weg. Selbst nach der Fertigstellung bedarf es einer stetigen Überprüfung des Feedbacks und Fehlerbehebung. Doch gerade für die Ansprache junger Talente kann sich der Aufwand lohnen.