Leerstellen im Handwerk: So finden Sie Nachwuchskräfte

Durch fehlenden Nachwuchs im Handwerk bleiben immer mehr Lehrstellen heute "Leerstellen". In Zeiten von demografischem Wandel und steigender Attraktivität von Studienplätzen müssen Handwerksbetriebe umdenken, um Nachwuchskräfte für sich begeistern zu können. Das bedeutet neben der Schaffung besserer Arbeitsbedingungen unter anderem auch die Integration sogenannter Randgruppen.

Mehr Ausbildungsplätze als Auszubildende

Ende 2014 schlossen nur etwa 518.000 Jugendliche in Deutschland einen Ausbildungsvertrag ab, so wenige wie seit Anfang der 90er Jahre nicht mehr. Das zeigen die Statistiken des Zentralverbandes des deutschen Handwerks. Gleichzeitig sind im Jahr zuvor mehr als 80.000 Ausbildungsplätze frei geblieben. Viele Unternehmen in Deutschland suchen verzweifelt nach Bewerbern für die Ausbildungsplätze. Anders als noch vor einigen Jahren gibt es heute mehr Ausbildungsplätze als ausbildungswilligen Nachwuchs. Diese Entwicklung liegt nicht nur im demografischen Wandel begründet. Viele junge Menschen interessieren sich schlicht nicht für eine Ausbildung. Vor allem nicht im Handwerk. Daher ist von Unternehmensseite ein Umdenken gefragt, um den Nachwuchs für eine Karriere im Handwerk zu begeistern.

Niedrige Absolventenzahlen und höhere Studierneigung

Tatsächlich sinkt die Zahl der Schulabsolventen in Deutschland kontinuierlich. Laut Statistischem Bundesamt werden die Absolventenzahlen im Jahr 2025 bundesweit auf 705.000 zurückgehen. Im Vergleich zum Jahr 2007 mit 942.000 Absolventen ist das ein Rückgang von mehr als 30 Prozent. Hinzu kommt ein allgemeiner Trend zu höheren Studienabschlüssen. Leistungsstarke Schüler wählen eher die Hochschule oder einen kaufmännischen Beruf, statt im Handwerk zu arbeiten. Hat das Handwerk also nicht nur ein Demographie-, sondern auch ein Imageproblem? Die Allensbacher Berufsprestige-Skala aus dem Jahr 2013 widerspricht dieser These. Demnach zählt der Beruf des Handwerkers zu den fünf angesehensten Professionen in der Bevölkerung – noch vor Berufen wie Hochschulprofessor, Ingenieur oder Rechtsanwalt.

Leistungsstarkem Nachwuchs Perspektiven aufzeigen

Angesehener Handwerksberuf hin oder her, gute und leistungsstarke Schüler interessieren sich eher für ein Studium oder eine Ausbildung als Bank- oder Werbekaufmann. Solchem Nachwuchs müssen daher dringend die Perspektiven aufgezeigt werden, die eine Karriere im Handwerk beinhalten kann. Allein in den nächsten zehn Jahren werden deutschlandweit etwa 200.000 Handwerksbetriebe auf der Suche nach Nachwuchs für die Führungsetage sein. Neben einem sicheren Arbeitsplatz bietet das Handwerk also auch ausgezeichnete Karrierechancen. Auf der Suche nach geeignetem Nachwuchs sollten Sie diese Chancen unbedingt kommunizieren.

"Randgruppen" ins Handwerk integrieren

Dadurch, dass weniger Abiturienten und Realschüler Interesse an einer Karriere im Handwerk zeigen, haben Hauptschüler derzeit deutlich bessere Chancen, einen Ausbildungsplatz zu finden. Und auch für andere sogenannte Randgruppen bieten sich Möglichkeiten. So ist beispielsweise die Hälfte aller Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, unter 25 Jahre alt. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) hat daher zusammen mit dem Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise, und dem Handwerkspräsidenten Hans Peter Wollseifer ein Programm auf den Weg gebracht, dass in den kommenden zwei Jahren bis zu 10.000 junge Flüchtlinge im Alter von bis zu 25 Jahre in eine betriebliche Handwerksausbildung bringen soll. Auch jungen Frauen will Wanka gezielte Möglichkeiten zu einer Ausbildung im Handwerk eröffnen. Handwerksbetriebe müssen sich heute generell sehr viel stärker um den Nachwuchs bemühen und ihn umwerben. Dabei gilt es auch, den Blick für internationale und weibliche Kandidaten zu öffnen und diese gezielt anzusprechen. Die Tage, in denen vor allem junge, deutsche Männer den Beruf des Handwerkers ergriffen haben, sollten in naher Zukunft der Vergangenheit angehören.

Arbeitsbedingungen für den Nachwuchs verbessern

Den Blick für potenzielle Bewerber öffnen ist die eine Sache. Den Nachwuchs langfristig ans Unternehmen zu binden, die andere. Junge Menschen wollen im Job heute gute Perspektiven, flache Hierarchien und flexible Arbeitszeiten. Viele Handwerksbetriebe werden jedoch noch traditionell geführt. Dabei hätten Handwerksbetriebe in Zeiten von Nachwuchsmangel und erhöhtem Wettbewerb viele Gründe, auf die Wünsche ihrer jungen Mitarbeiter einzugehen. Oft sind es schon Kleinigkeiten, die darüber entscheiden, ob ein Betrieb einen passenden Auszubildenden von sich überzeugen kann. Die Studie "Arbeitszufriedenheit und Mitarbeiterbindung im Handwerk" gibt hierzu ein paar aufschlussreiche Kriterien. So zeigt sich, dass flache Hierarchien und transparente Strukturen einen positiven Einfluss auf die Karriereentscheidungen der jungen Fachkräfte haben können. Ein sehr niedriges Einstiegsgehalt, das Verhältnis zu den Kollegen sowie mangelnde Weiterbildungsmöglichkeiten schlugen hingegen negativ zu Buche. Als Handwerksbetrieb sollten Sie daher Wert auf ein gutes Verhältnis zu Ihren Angestellten legen, für Abwechslungsreichtum in den Tätigkeiten sorgen und Aufstiegsmöglichkeiten aufzeigen. Achten Sie darauf, dass Ihr Nachwuchs zu Anfang seiner Ausbildung nicht allein gelassen wird. Stellen Sie ihm lieber einen erfahrenen Mitarbeiter zu Seite, um Überforderung entgegenzuwirken.