Mit welchen Werten Familienunternehmen junge Fachkräfte locken können

Der Fachkräftemangel ist mittlerweile das größte Risiko für Unternehmen. Zusammen mit der Digitalisierung zählt er heute zu den entscheidenden Erschwernissen für den Mittelstand. Aber: In Zeiten der „neuen Normalität“ haben Familienunternehmen dank ihrer Werte einen enormen Vorteil. Sie müssen ihn nur richtig nutzen

84 Prozent der deutschen Familienunternehmen betrachtet den Fachkräftemangel als ihr größtes Problem. Das hat der PwC European Private Business Survey der gleichnamigen Unternehmensberatung, der sich mit dem Problem Fachkräftemangel befasst hat, herausgefunden. Im Schnitt dauert es inzwischen 109 Tage, bis eine ausgeschriebene Stelle wieder neu besetzt wird. Bei IT-Jobs sind es sogar 159 Tage. Die Folgen sind hohe Kosten für die Personalgewinnung und geringere Produktivität sowie entgangene Wachstumschancen. Wie sich zeigt, entsteht dem Mittelstand durch den Mangel an qualifizierten Fachkräften ein Schaden von 65 Milliarden Euro – pro Jahr.  Das müsste nicht sein. Denn laut PwC vertritt gerade der Mittelstand die für junge Menschen wichtigen Werte. Doch er setzt sie zu wenig für sich ein.

Bislang versuchen die meisten Unternehmen mit traditionellen Werten zu überzeugen: Ehrlichkeit, Integrität, Nachhaltigkeit, Respekt und Mitarbeiterorientierung. „Diese Werte sind nach wie vor enorm wichtig, weil sie in disruptiven Zeiten für Stabilität sorgen und sich Familienunternehmen damit gegenüber den von ihren Quartalsergebnissen getriebenen Großkonzernen abgrenzen können“, sagt Uwe Rittmann, Leiter für Familienunternehmen und Mittelstand bei der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC.

In Deutschland verfügen rund drei Viertel der befragten Familienunternehmen über die genannten Werte. So gaben 88 Prozent der deutschen Familienunternehmen an, dass sie sich eines nachhaltigen und verantwortungsvollen Unternehmertums verpflichtet fühlen. Es hat sich allerdings gezeigt, dass sie das Potenzial nicht ausschöpfen. Nicht einmal die Hälfte von ihnen nutzt die Werte, um die eigene Bekanntheit im Markt zu steigern. Laut Studie ist das eine „verpasste Chance im ‚War of Talents’.“ Denn durch eine bekannte Marke werden nicht nur Kunden, sondern auch Mitarbeiter auf ein Unternehmen aufmerksam.

Unterdessen wird aber auch immer klarer, dass diese über Jahrzehnte gelernten Werte und Tugenden als Argument nicht mehr genügen. Vor allem bei den dringend gesuchten Digital Natives müsse man anders argumentieren. Denn die Normalität junger Menschen ist heute geprägt von politischer Instabilität, Urbanisierung und Digitalisierung. „Das verlangt auch neue, moderne Werte“, so die Studienmacher.

Im Fokus stünden eher Mut, Nachhaltigkeit, Flexibilität und Fehlerkultur. „Für junge Menschen zählt, wie sich ein Unternehmen im gesellschaftlichen, ökologischen und sozialen Bereich engagiert und über einen zeitgemäßen Wertekanon verfügt“, sagt Rittmann. Sein Resümee: Über die richtigen Werte werden heute die Fachkräfte gewonnen und die gilt es geschickt auszuspielen.

Aber gerade da scheint es in deutschen Familienunternehmen zu hapern. In der Studie wurden diese Werte nur vereinzelt genannt. „Es gilt, das moderne Werteverständnis und Wertegerüst festzulegen, niederzuschreiben, danach zu handeln und noch stärker bekannt zu machen“, so die Empfehlung von PwC. Die Ziele und Werte in den Markt zu kommunizieren und auch umzusetzen, hat für Familienunternehmen auch handfeste wirtschaftliche Vorteile. Es zahlt auf ihre Unternehmensziele ein: Die Gewinnung von Fachkräfte und die Verbesserung der Profitabilität.

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Lisa Priller-Gebhardt

 ist freie Journalistin und schreibt über die deutsche Medienlandschaft, vorwiegend für das Fachmagazin Werben & Verkaufen, aber auch für Kontakter, Welt am Sonntag, SZ sowie den Blog der BLM. Themenschwerpunkte sind Fernsehen, Digitalwirtschaft sowie Printmedien. Nach einem Volontariat bei Hubert Burda Media und dem Besuch der Deutschen Journalistenschule in München arbeitete sie für Bunte, Bild, Freundin, Antenne Bayern und die Jugendbeilage der Süddeutschen Zeitung, Jetzt.

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