„Zeitungsanzeigen sind out“

Wie der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) jetzt meldet hat die Zahl der unbesetzten Lehrstellen in Deutschland ein Rekordhoch erreicht. Alleine im Handwerk gibt es derzeit 20000 offene Lehrstellen. Nach einer Erhebung des Verbandes  fand 2017 ein Drittel (34 Prozent) aller Unternehmen keine Auszubildenden für ihre ausgeschriebenen Stellen. Das ist der höchste jemals ermittelte Wert. Mittlere und kleinere Betriebe in ländlichen Regionen sind vom Bewerbermangel besonders stark betroffen. Doch wie kann man Abhilfe schaffen? Kirstin Wolf, Gründerin der Deutschen Akademie für Junge Karrieren (DAJUKA), erklärt, wie erfolgreiches Ausbildungsmarketing funktioniert.

Wie macht man auf sein Unternehmen als Ausbildungsbetrieb aufmerksam?

Fest steht: Zeitungsanzeigen sind out. Junge Menschen lesen keine Zeitung mehr und so sind die klassischen Anzeigen nur noch etwas für die Eltern. Vor drei Jahren haben wir, die Deutsche Akademie für jungen Karrieren (DAJUKA), zusammen mit jungen Auszubildenden der Macromedia Akademie in München 200 SchülerInnen zwischen 15 und 18 Jahren befragt, wie sie am liebsten von Unternehmen auf deren Ausbildungsangebot aufmerksam gemacht werden möchten. Über 80 Prozent sprachen sich für Internet, Social Media und WhatsApp aus. Am liebsten mögen die Jugendlichen bewegtes Bild. Deshalb sind Ausbildungsvideos, die gemeinsam mit den Azubis der Unternehmen entwickelt werden, sehr gern gesehen. Wer noch keine Karriere- und/oder Ausbildungswebsite hat, sollte eine solche unbedingt einrichten und diese mit diversen Social-Media-Kanälen verlinken, denn die Jugendlichen klicken sich garantiert nicht durch die normale Website, bis sie mal „ihren“ Bereich finden.

Wie spricht man potenzielle Auszubildende am besten an?

Immer auf Augenhöhe. Egal ob im Online-Bereich über Videos und Vlogs oder im wirklichen Leben über Messen und Veranstaltungen – immer gilt: die Jugend MUSS ran. Denn nur jungen Leuten wird geglaubt und nicht uns Älteren. Die Jugend hat ihre eigene Sprache, ihre eigenen Interessen, ihre eigenen Vorbilder und Vorstellungen. Aus diesem Grund kann nur die Jugend glaubhaft vermitteln, welcher Beruf in welchem Unternehmen wirklich Spaß macht.

Vor allem außerhalb der Städte buhlen oftmals viele kleinere Unternehmen um wenige Bewerber. Wie kann man sich von den Wettbewerbern abheben?

Abheben kann man sich nur über Aktionen, die anders sind als die der Mitbewerber. Ein Beispiel: In einer Kleinstadt in Oberbayern rückt sich ein Unternehmen besonders ins Licht, da es ein Azubi-Casting veranstaltet. Hier werden die BewerberInnen spielerisch auf Herz und Nieren geprüft, haben dabei Spaß und nur die, die sich wirklich für die Ausbildung eigenen, werden genommen. Die anderen bekommen „als Trost“ ein Berufscoaching von erfahrenen Coaches, so dass sie mit neuen Ideen nach Hause gehen und wissen, was besser zu ihnen passt. Ein solches Casting dauert einen Tag und sorgt natürlich für Gesprächsstoff unter den Jugendlichen. Da das Casting viel Spaß macht, will das jeder gerne mal ausprobieren. Andere Unternehmen lassen ihre Azubis die Lerninhalte mitfestlegen, bieten Sonderleistungen, wie zum Beispiel ein paar Monate Sabbatical gleich nach der Ausbildung, damit die dann jungen Erwachsenen die Welt bereisen können, eine Mofa-Ecke, wo die Azubis an ihren Mofas schrauben können und vieles andere mehr.

Heutzutage zahlt sich Kreativität aus

Welche Maßnahmen haben sich aus Ihrer Erfahrung noch bewährt?

Meiner Meinung nach sollte man unbedingt einen „Goldfischpool“ anlegen, in den man alle vielversprechenden jungen Leute steckt, die zum Beispiel mal ein Praktikum absolviert und dabei geglänzt haben oder auf einer Messe positiv aufgefallen sind. Die Goldfischchen müssen dann bestens gehegt und gepflegt werden. Das geht zum Beispiel mit einer Einladung zum Tag der offenen Tür oder zum Azubi-Ausflug. So werden die jungen Menschen schon, bevor sie überhaupt eine Ausbildung beginnen, ans Unternehmen positiv gebunden werden.

Was raten Sie kleineren Unternehmen, die nur wenig Geld für das Ausbildungsmarketing zur Verfügung haben?

Die Mund-Propaganda über die eigenen Azubis ist nicht zu unterschätzen. Gibt es für eine gute Empfehlung noch eine Belohnung – umso besser! Die Teilnahme an außergewöhnlichen Aktionen, die häufig von Verbänden oder Städten angeboten werden, ist Pflicht. Ich denke da beispielsweise an den Ausbildungsexpress – ein Zug, der der durch einen oberbayerischen Landkreis fährt und in dem sich die lokalen Unternehmen der Jugend präsentieren oder die lange Nacht der Ausbildung, die zum Beispiel in Ingolstadt stattfindet.

Über welche Kanäle spricht man Jugendliche am effektivsten an?

Am besten mit außergewöhnlichen Aktionen, die natürlich dann auch online beworben werden. Messen und Schulpräsentationen sind bei den Jugendlichen nur bedingt beliebt, werden aber gut frequentiert, da die Eltern drängen, dorthin zu gehen oder sie die Lehrer zur Pflichtveranstaltung machen. Hier ist es wichtig, dass sich die Schüler mit Azubis austauschen können, denn der Peergroup glaubt man, den Erwachsenen weniger.

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Lisa Priller-Gebhardt

 ist freie Journalistin und schreibt über die deutsche Medienlandschaft, vorwiegend für das Fachmagazin Werben & Verkaufen, aber auch für Kontakter, Welt am Sonntag, SZ sowie den Blog der BLM. Themenschwerpunkte sind Fernsehen, Digitalwirtschaft sowie Printmedien. Nach einem Volontariat bei Hubert Burda Media und dem Besuch der Deutschen Journalistenschule in München arbeitete sie für Bunte, Bild, Freundin, Antenne Bayern und die Jugendbeilage der Süddeutschen Zeitung, Jetzt.

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