Arbeitsplatz der Zukunft: Home Office statt Büro?
27/05/2016 08:30

Arbeitsplatz der Zukunft: Home Office statt Büro?

Ist das Home Office der neue Arbeitsplatz der Zukunft oder eher der Schrecken für jeden Arbeitgeber? In Deutschland scheiden sich dazu die Geister. Fakt ist, dass laut DIW nur zwölf Prozent aller Arbeitnehmer gelegentlich oder überwiegend im Home Office arbeiten. Und das, obwohl es theoretisch bei 40 Prozent der Arbeitsplätze möglich wäre.

Für den Arbeitnehmer klingt die Aussicht auf ein flexibles und freies Arbeiten in den heimischen vier Wänden normalerweise wie eine perfekte Lösung. Doch das Arbeiten von Zuhause hat auch seine Schattenseiten. Fehlende geregelte Arbeitszeiten und kein direkter Kontakt zu Kollegen können negative Auswirkungen haben. Zudem lauern im Home Office zahlreiche Ablenkungen, die die Arbeitsproduktivität negativ beeinflussen können.


Deutschland unter EU-Durchschnitt


In den meisten Fällen erteilt jedoch der Arbeitgeber dem Wunsch nach Heimarbeit eine Absage. Deutschland liegt beim Anteil der Personen mit Home Office unter dem EU-Durchschnitt. Länder wie Frankreich, Schweden oder Dänemark sind uns dabei einige Schritte voraus. Würden deutsche Unternehmen die flexible Arbeitsform anbieten, könnte der Anteil an Heimarbeitern auf 30 Prozent ansteigen (DIW). Die Nachfrage ist da. Sie hat aber noch keinen spürbaren Einfluss auf das Angebot für Heimarbeit.


Arbeitgeber – Die Angst vor dem Unbekannten


Etwa jeder fünfte deutsche Arbeitnehmer würde Heimarbeit nutzen, wenn es seitens des Arbeitgebers zugelassen wäre. Unternehmen sind jedoch sehr vorsichtig, denn es ist schwierig, ein Arbeitsmodell von morgen mit dem Arbeitsrecht von gestern zu vereinbaren. In vielen Firmen gibt es nach wie vor fest geregelte Arbeitszeiten und Anwesenheitspflichten, die der Entwicklung eines Modells für Heimarbeit entgegenstehen.


Auch die Branche und das Tätigkeitsfeld sind ausschlaggebend bei der Frage nach Home Office. Im Finanzsektor und in der öffentlichen Verwaltung klaffen die Wünsche der Arbeitnehmer nach Heimarbeit und die von den Arbeitgebern angebotenen Möglichkeiten am weitesten auseinander. Zudem gibt es Arbeitsplätze, bei denen Heimarbeit logisch betrachtet gar nicht erst in Frage kommt. Laut DIW ist das bei 58 Prozent aller Arbeitsplätze der Fall.


Hinzu kommt eine tendenziell negative Grundhaltung zur Heimarbeit. So kann es vorkommen, dass Vorgesetzte und Kollegen ein Arbeiten von Zuhause aus nicht für bare Münze nehmen. Daher wird Home Office gerne auch als verkappter Freizeitschwindel oder als freier Urlaubstag paraphrasiert. Wenn in einem Unternehmen eher feste Arbeitsstrukturen vorherrschen, kommt beim Thema Home Office schnell Misstrauen ins Spiel.


Besonders auffällig sind Kleinbetriebe, in denen ein Großteil auf Heimarbeit verzichtet. Flexible Arbeitszeitmodelle scheinen hier nicht verbreitet zu sein. Möglicherweise haben die Arbeitnehmer einen größeren Druck, den sozialen Erwartungen gerecht zu werden und ihre Verbundenheit mit dem Betrieb zu beweisen.


Home Office für mehr Flexibilität?


Gemeinhin gilt Home Office als Aushängeschild für eine besonders liberale und moderne Mitarbeiterführung. Die flexible Vereinbarung von Arbeit und Privatleben wird von vielen Arbeitnehmern geschätzt.


Speziell bei Führungskräften und im Dienstleistungssektor ist die Arbeit von Zuhause weit verbreitet. Heimarbeiter zeichnen sich oft durch eine hohe Qualifikation aus und arbeiten mit Zeitdruck und hoher Autonomie. Die zweitgrößte Gruppe sind Frauen mit Kindern. Durch eine freiere Zeiteinteilung können die Mütter besser auf die jeweiligen Bedürfnisse des Kindes eingehen.


Doch es ist sehr umstritten, wie effizient die freie Arbeitsorganisation ist. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung konnte belegen, dass Heimarbeiter in der Regel länger arbeiten. Durchschnittlich kommen Arbeitnehmer im Home Office so auf 46 Wochenstunden (DIW). Die geleistete Mehrarbeit wird jedoch in den meisten Fällen nicht entlohnt.


Im Gegensatz dazu können Arbeitnehmer mit Anwesenheitspflicht die Mehrarbeit durch Freizeitausgleich oder Lohn kompensieren. Deswegen läuten besonders bei Arbeitsrechtlern und Betriebsräten die Alarmglocken, wenn es um flexible Arbeitszeitenregelungen geht.


Arbeitnehmer – Eine Frage der Persönlichkeit


Manche Menschen können gut im Home Office arbeiten, andere vereinsamen oder lassen sich zu leicht ablenken. Besonders Frauen, die erwägen von Zuhause aus zu arbeiten, sollten sich von dem Gedanken trennen, dass Heimarbeit der Schlüssel zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist. Es ist eher wahrscheinlich, dass auf Dauer entweder der Job leidet oder die Familie vernachlässigt werden muss.


Zudem spielt die interne Kommunikation in unserem Arbeitsleben eine ausschlaggebende Rolle. Gerade der direkte Dialog über Produkte, Entwicklung, Marketing oder Verkauf ist essentiell. Beruflicher Meinungsaustausch ist zentral und könnte wichtige Erkenntnisse und Anregungen hervorbringen. Es scheint daher unwahrscheinlich, dass die Zukunft des Arbeitslebens komplett im Home Office liegt.


Vertrauen ist besser


Der starre „Acht-Stunden-Job“ ist schon länger auf dem Rückzug, denn die Anforderungen an Arbeitszeiten verändern sich im Laufe des Berufslebens. Familienpflichten, berufliche Weiterbildungen und vieles mehr können den Wunsch für mehr Flexibilität in der Arbeitszeiteinteilung wecken. Damit werden flexible Arbeitszeiten und Heimarbeit zu wichtigen Faktoren im Personalmanagement und sorgen für motivierte Mitarbeiter.


Heimarbeit kann aber nur dann gelingen, wenn Arbeitnehmer und Arbeitgeber feste Regeln für die zu erbringenden Leistungen festlegen. Denn um den gewachsenen Ansprüchen der Menschen auf mehr Flexibilität in ihrer Erwerbsbiografie zu begegnen, ist Home Office ein angemessenes Mittel.

Klaus Becker

ist Geschäftsführer, Gründer und Berater. Er baute 2002 die Personalberatung für den Mittelstand auf. Formt und formuliert mit dem Team die Beratungsprozesse für den bundesweiten Markt der Personalberatung.

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