Kolumne: Wind of Exchange

Auf der Suche nach einem neuen Vortragsthema für 2016 habe ich mir lange Gedanken gemacht und wieder gut zugehört, wenn ich mich mit Unternehmern und deren Mitarbeitern über die Digitalisierung und die Veränderungen unterhalten habe. Man kann als Grundlage ganz locker jede Studie nehmen: Eine prozentual immer identische Anzahl von Menschen und Experten bestätigt die Tatsache, dass Veränderung notwendig ist. Besser jetzt als gleich. Denn im Grunde sind sich alle einig: Veränderung. Jetzt. Kontinuierlich. Los!

Am Anfang meiner Vorträge frage ich die Anwesenden gerne, wo genau Sie die größten Herausforderungen in der eigenen Digitalisierung sehen. Die meisten - und diese undokumentierte Erkenntnis ist branchenunabhängig – sehen diese nicht am Markt, beim Kunden oder bei der Technologie: es sind die Unternehmer und Führungskräfte selber, die sich als die größte Herausforderung sehen.

Doch dagegen kann man etwas tun. Oft sind es kleine Hebel, die zu großen Schritten in der Veränderung führen. Versteht der Kopf vom Fisch, wie er sich nicht dem Sprichwort entsprechend verhält, dann nimmt das Ganze an Dynamik auf, die oft unschlagbar positiv ist, von den Mitarbeitern getragen und nach vorne gepusht wird. Es gefährdet noch nicht einmal des Schusters Leisten. Des Schusters Leisten? Des Schusters Leiden?

Wind of Exchange

Richtig gehört. Vielleicht kennen Sie den gleichen Effekt von sich selber. Sie sehen etwas im Fernsehen – nehmen wir mal den Raketenstart einer SpaceX-Rakete oder einen Ausschnitt von der Hannover Messe über Löwenzahnkautschuk, aus dem Contitech Motorenlager fertigt. Im ganzen Sumpf der politischen und gesellschaftlichen Themen leider meist nur eine Randnotiz, fördert das in uns doch Gedanken wie "die machen das einfach" und "ich müsste doch eigentlich nur". Ganz ehrlich? Bei mir ist das so. Der Kopf ist kreativ, ich abstrahiere auf meine eigenen Geschäftsmodelle und sehe neue Chancen, Märkte, Perspektiven. Kommen Sie. Nicken Sie jetzt zustimmend. #Isso!

In diesem emotional kreativen Hoch (Raketenforscher-DanielDüsentrieb-Modus) befindend kommt aber oft schon beim nächsten Entsperren meines Smartphones die sofortige, mich erdende Klatsche. Da kommt der Gegenwind aus dem Outlook-Kalender entgegengeweht – der Wind of Exchange. 9:00 Uhr Scrum Morgen, 10:00 Uhr Lenkungsausschuss irgendwas, 12:30 Uhr Lunch mit Benny, 14:00 Uhr Mitarbeitergespräch mit Frank, 16:00 Uhr Telko mit Dienstleister, 17:00 Uhr Mails (!!!), 18:00 Uhr Sport, 19:00 Uhr Empfang ... So ungefähr war das bei mir auch mal (und ist es leider manchmal heute auch wieder so). Let‘s see: Für Raketenforschung ist vermutlich auf der Anfahrt zum Lunch, nach dem Gespräch mit Frank (wenn ich Gas gebe) und während der Telko mit dem Dienstleister, bei der ich nur 10 Minuten was sagen muss, ein bisschen Zeit übrig.

Unternehmer, habt Ihr schon mal probiert, den Mail-Account für 2-3 Tage auszuschalten? Oder einen Tag? Wenn etwas wirklich Wichtiges passiert, dann wird die Führungsebene oder die Assistenz schon Bescheid geben. Nutzen Sie Ihre neue gewonnen Zeit doch einmal für Raketenforschung. Oder wie Lars Vollmer schreibt: Gehen Sie mal alle zurück an die Arbeit.

Raketenforschung braucht Freiraum

Im letzten Jahr gab es zwei immer wiederkehrende Rituale, die mich innerlich zur Weißglut getrieben haben und heute auch immer noch treiben: Wenn Handwerker, die auf die Frage „Was würden Sie als Fachmann denn empfehlen?“ mit „is' Geschmacksache“ wenig unterstützend antworten, und Führungskräfte, die auf ihren eigenen, einleitenden Satz „Wir müssten das eigentlich jetzt sofort angehen…“ im direkten Anschluss mit „Ja, aber erstmal haben wir noch Tagesgeschäft, das nicht gefährdet werden darf“ direkt ressourcen- und veränderungshindernd antworten. Das mit den Handwerkern wird in der nächsten Kolumne aufgeschnappt, das mit dem Tagesgeschäft ist schon beängstigend. „Wir müssen erst noch [etwas] retten“ oder „wenn wir [das Thema] im Griff haben, dann“! Herrschaften, hören Sie auf, das Tagesgeschäft zu retten – Sie retten die Glut. Lassen Sie bitte die aktuellen Geschäftsmodelle von Ihren Mitarbeitern betreiben, fördern Sie die Eigenverantwortung, Delegieren Sie die Optimierung des Bestehenden und fangen Sie bitte endlich an, das Feuer weiterzuentwickeln! Davon leben unsere Unternehmen doch schon seit Jahrzehnten gut. 

Ich bin ein absoluter Verfechter des Aufbaus von Innovation aus den Unternehmen heraus, da dort eine Basis mit hoher Identifikation vorhanden ist. Mit zunehmender Erfahrung aber kommen mir die Zweifel, ob man vor lauter Retterei und „Schusters-Leiden“ nicht parallele Organisationen aufbaut, die (noch) befreit vom Tagesgeschäft agieren können.

Fassen wir gemeinsam zusammen: Schaffen Sie sich Freiräume für die Kreativität und hören Sie zu, wenn andere von ihren Ideen berichten. Wecken Sie den Erfinder in sich und lassen Sie es nicht zu, dass das Tagesgeschäft Ihre eigene Transformation und die Weiterentwicklung Ihrer Geschäftsmodelle behindert. Und fangen Sie besser heute als Morgen damit an. 

Profilbild von Christian Bredlow
Christian Bredlow

hat Wirtschaftsinformatik an der FHDW Hannover studiert und war mehr als 15 Jahren in der Medien- und Verzeichnisbranche aktiv. Bis Februar 2015 war Christian Bredlow für die Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG in Hannover in diversen Positionen tätig.

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