Tiny Life – Das Internet der tausend kleinen Dinge und unser Gehirn.

Haben Sie vor kurzem über Brangelina gelesen? Vielleicht über die Szene im Flugzeug im Rahmen der breit getretenen Scheidungsstory? Wenn ich an Brad Pitt und Flugzeuge denke, fällt mir zuerst aber eine ganz andere Szene aus dem Film Fight Club ein. Die beiden Protagonisten sprechen darüber, wie anders die Welt in einem Flugzeug ist – alles ist in kleine praktische Einzelverpackungen abgepackt.

Dieses „Tiny Life“ mit den kleinen Häppchen, die uns einzeln serviert werden, hat mich zu diesem Artikel inspiriert, denn es ist uns viel näher, als wir denken. Wenn wir 150 bis 250 Mal täglich zu unserem Mobiltelefon greifen, konsumieren wir dieses „Tiny Life“. Ein kleines bisschen Konversation, ein Häppchen Entertainment – alles gut kuratiert von Facebooks Algorithmus und an unseren schnelllebigen Alltag angepasst.

Für Marketers ist dieses Konzept besonders relevant. Inhalte und Botschaften müssen passend aufbereitet werden, sonst erreichen sie unsere Konsumenten nicht. Die alten 30-Sekunden-Abschnitte sind längst nicht mehr zeitgemäß. Es gilt, aus diesem System auszubrechen und die Leute mit einer echten Experience – einem Langformat – für sich zu gewinnen. Ein Festivalwochenende bietet beispielsweise eine großartige Chance für Marken, echte Emotionen zu vermitteln. Die Besucher sind zwei bis drei Tage am Stück vor Ort – ein langes, aber dennoch gut abgepacktes Erlebnis – und offen für neue und intensive Gefühle und Erfahrungen. Hier können Marketers wirkliche Aufmerksamkeit bekommen, im Gegensatz zu drei Sekunden auf dem Smartphone. Was früher als Höhepunkt einer kreativen Markenerfahrung galt, der 60 bis 90 Sekunden lange Spot für die Neueinführung eines Autos, hat es im heutigen Umfeld extrem schwer.

Ich interessiere mich aber nicht nur beruflich für dieses Thema. Ich bin überzeugt davon, dass jeder die Fähigkeit, seine Aufmerksamkeit zu lenken und für längere Zeit zu fokussieren wie einen Sport erlernen kann. Klarheit und Zielgerichtetheit sind der wichtigste Schlüssel zum Erfolg und zum Glück – beruflich wie privat. Meditation wird heute nicht mehr nur in buddhistischen Kreisen praktiziert, sondern ist auch im Sillicon Valley angekommen. Google und andere Unternehmen machen das sogenannte Attention Training salonfähig und Mindfulness ist ein wachsender Trend. Ich habe diese Themen auch für mich entdeckt, da ich mehr „Deep Work“ – also ablenkungsfreie Arbeitsphasen mit voller Konzentration – in meinem Alltag umsetzen wollte. Dabei habe ich erkannt, dass auch Mindfulness als „Tiny Life“ praktizierbar ist, denn kleine, einzelne Pakete müssen nicht negativ sein. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass bereits fünf Minuten Sport oder Meditation am Tag eine enorme Wirkung haben können. Einige tiefe Atemzüge vor einem Meeting oder eine kurze Konzentrationsübung vor einer schwierigen Präsentation können Wunder bewirken.

Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich zuhöre, dann interessiert mich wirklich, was der andere sagt. Kurz gesagt ist es sowohl im privaten Umgang mit digitalen Medien als auch im Marketing eine erfolgsversprechende Strategie das „Tiny Life“, diese kleinen, aber intensiven Häppchen, zu integrieren und optimieren.

Sie helfen uns zu kommunizieren, Fortschritte zu erzielen und zwar seltener, dafür aber direkter, intensiver und erfolgreicher in Experiences einzutauchen.

Prof. Dr. Jürgen Seitz

ist Professor für Marketing, Medien und die Digitale Wirtschaft an der Hochschule der Medien in Stuttgart (www.hdm-stuttgart.de). Davor war er Geschäftsführer und Gründer der United Internet Dialog GmbH, einer Performance- und Digitalmarketing Firma der United Internet Gruppe. Darüber hinaus verantwortete er das Produktmanagement der United Internet Media AG und war maßgeblich am Wachstum zum marktführenden Vermarkter in Deutschland beteiligt.

Mehr