Wie Archetypen die tatsächliche Kultur Ihres Unternehmens kenntlich machen

Ich habe eine Frage zum Einstieg für Sie: Welche Kultur prägt Ihr Unternehmen? Mit Kultur im organisatorischen Sinn meine ich die Wertvorstellungen und Normen, nach denen in Ihrer Firma Strategien und Tagesgeschäfte gestaltet werden.

Kennen Sie die Antwort?

Selbst wenn Sie die Eingangsfrage beantworten können, behaupte ich, dass Sie mit Ihrer Antwort in Ihrer eigenen Firma auf etlichen Widerstand stoßen werden. Meine Behauptung trifft umso wahrscheinlicher zu, je mehr Mitarbeiter Ihr Unternehmen besitzt. Im Folgenden gehe ich daher von Mittleren Unternehmen und Konzernen aus.

Wenn Sie in einem Unternehmen arbeiten, das einer der beiden Größen entspricht, kennen Sie wahrscheinlich die Pluralität an Ansichten zum Unternehmen, die Ihnen begegnen. Besitzt Ihr Kundenservice beispielsweise die gleichen geschäftlichen Wertvorstellungen wie Ihre Marketingabteilung? Sind die Wertmaßstäbe Ihrer Qualitätssicherung dieselben wie in im Segment Forschung und Entwicklung?

In beiden Fällen antworten Sie wahrscheinlich mit „Nein“. Nehmen Sie hinzu, dass in global wirtschaftenden Unternehmen auch unterschiedliche ethnische Wertvorstellungen zueinanderkommen, gelangen Sie erst recht zur Schlussfolgerung: Eine einheitliche Unternehmenskultur innerhalb von Mittleren Unternehmen und Konzernen kommt einem Wunschdenken gleich.

Kultur und seine Nischen: Die Silo-Mentalität

Das unterschiedliche Unternehmenskulturen ein Problem für Ihre Firma darstellen können, ist Ihnen bekannt. Immerhin verarbeitet jeder Teil einer wirtschaftlichen Organisation seine eigenen Datensätze, Erfahrungen und Einblicke über und in Unternehmensprozesse. Ihr Unternehmen arbeitet nur dann optimal, wenn diese Informationen rege innerhalb der Organisationsstruktur ausgetauscht werden. Zum Tauschen müssen Ihre Unternehmensteile allerdings auch bereit sein – und unterschiedliche Unternehmenskulturen machen diese Bereitschaft zum Teilen mitunter schwierig.

In diesem Fall tritt ein, was Sie unter dem Schreckgespenst „Silo-Mentalität“ kennen. Eine Unternehmenskultur baut um ihren Einflussbereich Mauern auf, sodass der interne Informationsfluss zwischen den Abteilungen Ihres Unternehmens stockt oder im ärgsten Fall zum Erliegen kommt.

Abhilfe zum Abtragen der organisatorischen Silo-Mauern ist hier gefragt. Damit Sie in Ihrem Unternehmen die Gemäuer Ihrer Firmen-Silos abzutragen können, müssen Sie aber erst verstehen, auf welchen Grundannahmen Ihre jeweiligen Unternehmenssilos überhaupt fußen. Erst mit diesem Wissen erhalten Sie die Gelegenheit, die eingemauerte Mentalität in ihrem Unternehmen in ihrem Verhalten zu verstehen und Maßnahmen zur deren Integration in das Gesamtunternehmen einzuleiten.

Archetypen als Marker der Nischen-Mentalitäten

Ich arbeite mit dem Kennzeichnen Ihrer Silos durch Archetypen. Ein einführendes Wort zur Erklärung des Begriffs:

Archetypen kennen sie unbewusst aus der Theaterkunst, dem primären Feld meiner Expertise als Schauspieler. Archetypen bestehen aus der Gesamtheit von dominanten Verhaltensweisen, Zielen und Ängsten von Figuren und bilden die Grundlage für die wesentliche Natur eines Charakters. Ich spreche hier von Kategorien, die für jeden intuitiv verständlich sind – eben archetypisch.

Nehmen wir den Archetypen Trickster als verdeutlichendes Beispiel: als dominante Verhaltensweise stellt sich der Archetyp gegen den Status Quo. Mit seinem Verhalten verfolgt er das Ziel, Menschen den ungeschönten Blick auf sich selbst zu zeigen. Die Angst des Archetypen liegt in einer geordneten Welt, in der sich niemand traut an deren scheinheiligen Grundüberzeugungen zu rütteln. Der Archetyp nimmt etliche fiktive Charakterformen an, so u.a. als Hofnarr, Satan, der Joker als Erzrivale von Batman, usw.

Kommen wir zu dem, was sie am meisten interessieren dürfte: der Einsatz von Archetypen im Erkennen von Nischenkulturen in ihrem Unternehmen. Denken sie hier zur Verdeutlichung an einen aktuellen Fall: Samsung und sein Debakel um die explodierenden Batterien des Samsung Galaxy Note 7.

Setzen wir die Archetypen-Schablone auf der Ebene der Geschäftsführung an. Lee Kunhee, der Chairman des südkoreanischen Konglomerats, offenbart als seine dominierende Verhaltensweise das Verbreiten und Durchsetzen von Angst bzw. Alleinherrschaft gegenüber seinen Managern (und sekundär gegenüber den Gesellschaftern des Unternehmens). Lesen sie hierzu einen aufschlussreichen Artikel in der Wirtschaftswoche vom 14. Oktober 2016. Zurück zur Archetypen-Schablone: Auf welches Ziel ist die dominierende Verhaltensweise gerichtet? Kurioserweise auf Effizienz und Kreativität, glaubt man den Insider-Berichten.

Abschließend: Was sagt ein Verhalten und eine Zielsetzung dieser Natur über den Archetypen aus (Stichwort: Ängste)? Der Archetyp, verkörpert durch Lee Kunhee, versteht Unterwürfigkeit als normale Reaktion auf sein aggressives Verhalten. Er impliziert ferner, dass ein kleines Maß an individueller Entscheidungskraft in einem Unternehmen ein effizientes Arbeiten gefährdet. Er impliziert außerdem, dass Mitarbeiter Befehlsempfänger sind und den Archetyp ängstigt aller Wahrscheinlichkeit nach ein Aufbegehren des Personals, das gefährlich für die bestehende Nischenkultur im Geschäftsführungs-Silo wäre.

Ein erstes Silo des Unternehmens hat nun ein Gesicht, was das Abtragen von dessen Mauern grundlegend einfacher macht. (Zugegeben: Samsung wäre ein besonderer Fall für einen Kulturwandel, da ohne Support von eben der Geschäftsführung Change ungleich schwerer realisierbar ist.)

Sie sollten die Archetypen-Schablone für Ihre Beispiele an mehreren Stellen im Unternehmen ansetzen. Nehmen Sie zusätzlich die Produktentwicklung ins Auge, sowie das Compliance-Team usw. Wenn sie die wechselseitigen Verbindungen der entstehenden Archetypen zueinander transparent sehen (und beispielsweise als Berater Ihrem Kunden visualisieren), können sie die Ursachen von Hindernissen und Fehlentwicklungen im Unternehmen konkret benennen und Lösungsvorschläge mit der Geschäftsführung, dem Change-Team etc. vereinbaren.

Ein Wort der Warnung: Treffen Sie keine überstürzten Annahmen über Verhaltensweisen, Ziele und Ängste der Silos in Ihrem Unternehmen. Sehen Sie sich die Arbeits- und Entscheidungsweisen der Firma in Gegenwart und Vergangenheit ganz genau an, um zu den richtigen Schlüssen zu Ihrer Unternehmenskultur und deren Nischen zu gelangen. Auf diese Weise arbeiten Sie tatsächlich mit Archetypen und nicht mit Stereotypen.

Das Take-away

Zusammengefasst: Archetypen, die Charaktere hinter den Charakteren in der Theaterkunst, machen für Sie die Unternehmenskultur und ihre Nischen transparent in Punkto dominierende Verhaltensweisen, Zielsetzungen und Ängste. Ich lege Ihnen diese Methode an Ihr unternehmerisches Herz, um bestehende und künftige Konflikte in Ihrer Firma überschaubar darzustellen und hieraus erfolgreiche Lösungsinitiativen abzuleiten.

Ich wünsche Ihnen dabei den bestmöglichen Erfolg!