Digitale Transformation? Kinder an die Macht!

Jedes Jahr zur Gamescom herrscht in Köln ein klein wenig sommerlich-karnevalistischer Ausnahmezustand. Gamer und Spielefans aus aller Welt versammeln sich in Messehallen und City, um die neusten Spiele zu testen, in Battles gegeneinander anzutreten und Spieleentwicklern die Techniktrends von morgen zu entlocken. Das Durchschnittsalter an den Konsolen ist niedrig, der Lärmpegel hoch und die Hallen bunt und voller Bewegung. Die Reizüberflutung scheint den Besuchern nichts auszumachen, sie befinden sich in ihrer Welt. Als ich dieses Jahr mit meinen Kindern dort war, wurde mir einmal mehr bewusst: Sie gehen so natürlich mit digitaler Technik um, dass Unternehmen es ihnen schnellstmöglich gleichtun sollten, bevor die Kids den Arbeitsmarkt betreten.

So machen sich Kinder die digitale Welt zu eigen

In diesem Beitrag soll es nicht darum gehen, wie viel Bildschirmzeit für Kinder gesund und richtig ist und ab welchem Alter welches Medium und welcher Kanal erlaubt sein sollte. Es geht um den Umgang mit digitalen Medien, wie Kinder sich die digitale Welt aneignen und welche Rückschlüsse wir für die Arbeitswelt daraus ziehen können.

In einer Studie des DIVSI (Deutsches Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet) sind immer noch die Eltern die Hauptakteure, die ihren Kindern die digitale Welt vermitteln, unabhängig von Bildungsstand und Sozialstatus. Wie gut und schnell sich Kinder Digitalkompetenz aneignen, entscheidet dabei der Umgang der Eltern mit digitaler Technik. Gehen diese zum Beispiel offen und unbefangen mit Sprachassistenten wie Alexa um, tun es die Kids genauso. Die Schule spielt hier bisher immer noch eine untergeordnete Rolle. Zu gering sind bislang die schulischen Angebote, die Medien- und Internetkompetenz vermitteln – aber es wird kontinuierlich aufgerüstet.

Am wichtigsten ist bei der Vermittlung digitaler Kompetenz jedoch: Leiten Sie Ihre Kinder zu eigenständigem Denken an, damit sie irgendwann selbst entscheiden können, welche Medien und Kanäle sinnvoll für sie sind und sie sehen, welche Tragweite verschiedene Interaktionen im Netz haben können. Die Technik dahinter werden Ihnen Ihre Kinder dann erklären.

Was Unternehmen aus der Spielebranche lernen können

Die Top 5 der Internetaktivitäten von 6- bis 8-jährigen Kindern sind laut DIVSI Spiele spielen, gefolgt von Bilder anschauen, Videos gucken, Informationen suchen und Musik hören. Für Unternehmen bieten sich dadurch viele Möglichkeiten, das digitale (Spiel-)Verhalten der Kinder in ihre Strategie einzubeziehen und mit ihnen auf Augenhöhe zu bleiben, bis sie in die Arbeitswelt eintauchen:

  • Product Placement: Gaming ist massentauglich und hat die dunklen Kellernischen längst verlassen. Große Unternehmen platzieren ihre Produkte bereits in Spielen, viele werden nachziehen. So hat Pizza Hut beispielsweise das Spiel EverQuest II geentert und bietet den Spielern Pizzabestellungen inkl. Bezahlung innerhalb der Spieleoberfläche an.
  • Virtual Reality: Während sich bis vor einiger Zeit ausschließlich Gaming-Fans mit VR-Brille durch Fantasy-Welten kämpften, nutzen inzwischen auch Unternehmen die Möglichkeiten der virtuellen Realität. VW hat z.B. die „Digitale Fabrik“ geschaffen, in der Mitarbeiter Trainingsprogramme durchlaufen oder die Montage virtuell testen, bevor Maschinen tatsächlich installiert werden.
  • Recruiting und Arbeitsplatzgestaltung: Gamification ist auch hier das Stichwort. Wer Bewerbungs- und Einarbeitungsprozesse interaktiv aufbereitet und beispielsweise auf Website und Intranet Spiele zur Orientierung und für das Onboarding anbietet, zeigt sich als innovativer Arbeitgeber und verbessert damit vor allem zwei Punkte: Bewerber sind motivierter, wenn sie spielerisch durch den Bewerbungsprozess begleitet werden und bleiben nicht in mühsamen Ausfüll- und Uploadprozessen hängen. Gleichzeitig erhöhen Sie durch solche zielgerichteten Spielereien die Chance, dass Ihre eigenen Mitarbeiter andere auf Ihr Unternehmen aufmerksam machen und so neue Kollegen werben.

Das sind nur einige Punkte, wie Unternehmen die digitale Welt der Kinder nutzen können, um mit ihnen den Arbeitsplatz von morgen zu gestalten. Denn eins ist bereits jetzt klar: Die heute 10-Jährigen kennen sich digital schon heute besser aus als einige CEOs großer Unternehmen. In 10 Jahren erklären diese Kids dann den Bossen, wie Server, Software und Geschäftsmodelle zusammenspielen und wie Usability richtig geht.

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Thorsten Greiten

studierte BWL mit den Schwerpunkten Steuerlehre und Wirtschaftsinformatik an der Universität Mannheim. Er ist Geschäftsführer der NetFederation GmbH und fachlich verantwortlich für den Bereich Digital Finance & Banking. Seit 2003 untersuchen er und sein Team von Spezialisten jährlich die Internetauftritte von 110 Unternehmen aus DAX30, MDAX, SDAX und TecDAX.

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