Digital ist egal

Ich arbeite öfter an Hochschulen, und so kam eine Gruppe von Studenten auf mich zu, die auf ihre neueste Errungenschaft – ihre erste selbstprogrammierte App – sehr stolz war. Die Studenten präsentierten sie und wollten meine Meinung dazu wissen. Unglaublich professionell war sie gestaltet! Entsprechend beeindruckt zeigte ich mich dann auch. Und stellen Sie sich vor, zu was diese App gut ist: Sie zeigt an, welcher der Kommilitonen auf dem Campus in welchem Semester ist. Hintergrund ist folgender: Wenn Studenten neu an der Universität sind und sich noch nicht auskennen, möchten sie eher Gleichgesinnte fragen, wie sie in die Bibliothek kommen oder wo Raum XY ist. Vielen Erstsemestern ist es eher peinlich, sich älteren Studenten gegenüber zu „outen“, also zuzugeben, dass sie neu auf dem Campus sind. Wie schade! So übt man sich sicher nicht in Kommunikation und im Kontakteknüpfen.

Grundsätzlich fällt es uns Menschen eher schwer, Fremde anzusprechen. Das liegt daran, dass wir gar nicht so digital sind, wie wir denken. Im Prinzip sind wir alle noch Steinzeitmenschen mit einem Smartphone in der Hand. Wir sind viel zu kurz – etwa 200.000 Jahre erst – auf diesem Planeten. Darum sind wir Sicherheitsfanatiker. Schuld daran sind prähistorische Grundprogramme, die in uns ablaufen, die noch auf die Steinzeit zurückzuführen sind. Jeder von uns schafft es, innerhalb von Bruchteilen von Sekunden und völlig unbewusst alle Signale, die unser Gegenüber sendet, zu prüfen.

Der Vertrauenstest! Erst, wenn wir festgestellt haben, dass die Stimme des Gegenübers in unseren Ohren vertrauensvoll klingt, dass seine körpersprachlichen Signale stimmig zu den Informationen passen, die er oder sie uns gibt, seine Gestik offen und nicht versteckt ist und seine Mimik uns Vertrauen einflößt, finden wir unser Gegenüber sympathisch und wir schenken ihm oder ihr unser Vertrauen. Das ist der Grund, warum uns bewusst sein sollte, wie wichtig unsere Gestik, Mimik und Körpersprache sind, und vor allem auch, wie sie wirken. Denn Körpersprache lügt nicht. Und wenn wir öfter bei anderen nicht gut ankommen, hilft der kritische Blick auf uns selbst: Wie ist unsere Haltung zu uns selbst. Besitzen wir genug Selbstwert und infolgedessen Selbstvertrauen? Denn nur, wer von sich selbst überzeugt ist, trägt das auch nach außen. Wenn wir selbst kein Vertrauen in uns haben, können wir auf andere auch nicht vertrauensvoll wirken. Vertrau dir selbst, sonst traut dir keiner!

Das hängt natürlich sehr stark mit unserer Persönlichkeit und unserer Kultur zusammen: Wir Deutschen arbeiten eher noch an einem weiteren Zertifikat oder Titel, anstatt uns auf uns selbst und unsere Wirkung zu konzentrieren. Dabei ist tatsächlich die Haltung das A und O bei der Beurteilung durch andere. Interessanterweise ist es hierbei egal, ob es sich um Studenten oder Menschen, die sich bereits im Beruf befinden, oder gar um Führungskräfte handelt. Dieses Muster zieht sich durch alle Branchen, Berufs- und Bevölkerungsschichten. Der Mensch ist nicht digital, und die Beziehungen zu anderen sind essenziell für unser Wohlbefinden. Und gerade in Zeiten des digitalen Wandels, wo keiner weiß, wo es hingeht, rückt der Mensch noch eher in den Mittelpunkt. Getrieben durch die digitalen Medien sind wir froh, wenn wir uns in der verbleibenden Zeit mit Menschen umgeben können, denen wir vertrauen können. Da ist digital wirklich egal!

Wenn Sie erfolgreich mit Menschen interagieren möchten, ist es hilfreich sich an folgenden 5 Punkten zu orientieren:

Üben Sie sich in Achtsamkeit: Nehmen Sie sich Zeit um zu erkennen, wo Ihre tatsächlichen Fähigkeiten liegen.

Arbeiten Sie an Ihrem Selbstvertrauen. Nur Menschen, die an sich selbst glauben, wirken sicher auf andere. Anders ausgedrückt: Wenn Sie selbst nicht an sich glauben, warum sollen es dann andere tun?

Seien Sie sich bewusst, dass nicht jeder – auch Sie nicht – perfekt sein kann. Übersetzt heißt das: Mutig mit den eigenen Schwächen umgehen. Das wirkt auch authentisch und menschlich.

Dementsprechend nachsichtig auch mit anderen Menschen umgehen: Ihre Gegenüber haben unter Umständen dort Stärken, wo Sie Schwächen haben. Üben Sie sich in stärkenorientiertem Denken – auch bei andern. Nicht auf die Schwächen der anderen achten, sondern die Stärken suchen.

Grundsätzlich: Reflektieren Sie, wenn Sie mit anderen in Interaktion gehen, ob in dem jeweiligen Fall vielleicht eher ein persönliches Wort anstatt einer WhatsApp oder SMS hilfreicher und insofern erfolgreicher wäre.

Barbara Liebermeister

Barbara Liebermeister leitet das Institut für Führungskultur im digitalen Zeitalter (IFIDZ), Frankfurt, das Unternehmen dabei unterstützt, ihren Mitarbeitern die Kompetenzen zu vermitteln, die sie im digitalen Zeitalter brauchen (www.ifidz.de).  Die Wirtschaftswissenschaftlerin und Managementberaterin ist auch eine gefragte Vortragsrednerin. Gerade ist im Gabal-Verlag ihr neues Buch erschienen mit dem Titel: „Digital ist egal: Mensch bleibt Mensch – Führung entscheidet“.

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