Den fehlenden Gedanken füllen: 9x Kreativität für das Design Thinking

Der Ort: ein Meeting-Raum, möbelbefreit bis auf einen Flipchart und komfortablen Drehstühlen. Einzelne Seiten von A1-Papier hängen auf unterschiedlichen Höhen an den Wänden. Unterstützt werden die in Worten fixierten Gedanken durch Sticky Notes in Signalfarben, schwarz-weiß Ausdrucken von Fachartikeln und herausgerissene Seiten aus Blöcken mit Interview-Notizen. Versammelt haben sich auf dieser kleinen Fläche die Gedanken von mehreren kreativen Köpfen. Ein Team aus fünf Personen, unter 30 Jahre alt und über den Tellerrand schauend, summt vor Ideen für Chatbots im B2B. Die konkrete Herausforderung: können die vertriebserfahre Soon-To-Be Gründerin und ihre treuen Gefährten aus dem MBA-, IT- und Psychologie-Studium ihre separaten Ideen für ein noch nicht existierendes Produkt zu einem stimmigen Puzzle zusammensetzen?

Storytelling für den Kreativ-Prozess

Gründerin (klatscht in die Hände): „Auf geht’s, stellt euch im Kreis auf – Brainstorming-Runde! Claudia hat eine Übung aus dem Improvisationstheater zum Kreativ-Sein vorgeschlagen. Wir erzählen also einen Use-Case mit ‚Ja genau, und…!‘ in 9 Schritten! Ihr habt vorhin richtig vermutet: das Ziel der Übung ist das kompromisslose Akzeptieren jeder geäußerten Idee durch das Bestätigen in Form von ‚Ja genau, und…! … und dem Fortführen der bisherigen Gedankenkette.‘ Die Story geht im Kreis reihum und jeder von uns hat jeweils genau einen Satz pro Umkreisung. Nochmal: Wir akzeptieren jeden Satz ausnahmslos und spinnen die Idee mit unserem eigenen Input weiter.“

Claudia (nickt): „Pro-Tipp von den Schauspielern, die mir die Methode beigebracht haben: Wir behaupten auch nicht ‚Ja genau, und…!‘ und negieren die Idee dann hintenrum. (schmunzelt) Das ist Schummeln!“

Gründerin: „Super! Also, alles klar?“

(Allgemeines Nicken in der Runde)

Claudia: „Letzter Tipp: Wir sind in einem ‚geschützten Raum‘ – traut euch also spontan und kreativ zu sein!

Jedes Mal, wenn ihr euch trotzdem albern fühlt, klatschen wir alle enthusiastisch für euren Mut zum Um-die-Ecke-denken!

Machen wir es so?“

(Enthusiastisches Klatschen)

Gründerin: „Also los!“

9 Schritte für die Design Thinking-Story – ein Beispiel, das Sie selbst zu Ende denken können

Story-Schritt 1: Charakter & Position

Gründerin: „Joachim ist 42 seit 2 Jahren Business Developer bei einem Logistik Dienstleister.“

Claudia: „Ja genau, und sein Charakter ist vergleichbar mit einem Narren, der an festen Überzeugungen in der Branche rüttelt und mutig schaut, welche Schätze für das Unternehmen hinter den festgefahrenen Denkmustern seiner Kollegen liegen.“

Bernd: „Ja genau, und seit diesen 2 Jahren spezialisiert er sich auf Innovationen für die Online-Touchpoints seines Unternehmens.“

(…) „Ja genau, und diese Spezialisierung hat er in Absprache mit seinem alten Geschäftsführer getroffen – der ist aber nicht mehr im Unternehmen!“

Story-Schritt 2: Wichtigste Prozesse & deren Schwierigkeiten

„Ja genau, und sein aktuelles Top-Thema lautet Inbound Leads über die Webseite der Firma zu generieren.“

„Ja genau, und das ist sein Top-Thema, weil die Besucher auf der Webseite von Textbausteinen erschlagen werden und sie dort außerdem die ewig gleichen Marketing-Kalauer lesen.“

„Ja genau, und deshalb generiert die Webseite auch nur in Ausnahmefällen Leads.“

„Ja genau, und die Besucher der Webseite denken sich konkret: ‚Ich bin interessiert an deren Produkt – aber wenn an meinen dringenden Fragen vorbei“gelabert“ wird, investiere ich woanders.‘“

Story-Schritt 3:  Innere Einstellung zu Schwierigkeiten

„Ja genau, und Joachim ärgert sich darüber, dass seine neue Geschäftsführerin sagt: ‚Über die Webseite haben wir noch nie die dicksten Kälber gefangen! Warum da Geld reinstecken und auch Zeit bzw. Ressourcen?‘“

„Ja genau, und Joachim denkt sich: ‚Wenn Leute mit offenen Geldbeuteln online vor der Tür stehen, dann müssen wir sie dort abholen und nicht – wie in alten Zeiten – darauf hoffen, dass jemand mit Interesse einen Katalog von uns in die Hände bekommt!‘“

Story-Schritt 4: Anpacker oder Vermeider?

„Ja genau, und ungeachtet der trägen Unlust seiner Geschäftsführerin zur Veränderung, rüttelt Joachim an Türen von externen Dienstleistern, lässt sich deren Produkte erklären und hört zu, wenn Vertriebler direkt bei ihm anrufen, um ihm Lösungen im Inbound Marketing vorzustellen.“

„Ja genau, und er landet bei seiner Reise letztendlich bei Chatbots für den B2B-Markt!“

Schritt 5: Die Grenze

„Ja genau, und als Joachim diese Innovation der Führungsebene vorstellt – konkreten Use Cases inklusive - gerät er bei ihr an die folgende Grenze: …“

Schritt 6: Der Wunsch

„Ja genau, und deshalb wünscht sich Joachim für Traditionalisten wie seine Geschäftsführerin, dass ein Chatbot für den B2B-Markt auch das Feature…“

Schritt 7: Der Idealzustand

„Ja genau, und idealerweise besäße ein Chatbot für andere Entscheider, wie den Leiter IT, die Features“

Schritt 8: Der Segen des neuen Produktes

„Ja genau, und besäße ein Chatbot für den B2B-Markt diese Features, würde Joachim bereits im nächsten Quartal messen können, dass …“

Schritt 9: Lessons Learned

„Ja genau, und deshalb lasst uns als Entwickler von Chatbots …“  

Der Nachgang

Gründerin: Super! Wir enden mit diesem Satz unsere Story!

Lasst uns jetzt festhalten, was wir an wichtigen Infos zusammengetragen haben – einschließlich der Lessons Learned natürlich!

Claudia: „Lasst uns auch jetzt noch nicht bewerten, auf was wir gestoßen sind, sondern lasst uns schlicht neutral zusammenfassen.

Wenn wir diesen Schritt abgehakt haben, erzählen wir gleich die nächste Geschichte – und notieren uns auch die Kernpunkte dieser Story.“

Gründerin: „Und wenn wir denken, wir haben genug, machen wir einen finalen Strich unter diesen Prozess und schauen dann, was wir an all den gesammelten Inhalten gebrauchen können.“

Claudia: „Auch wenn wir dann kritisch sind, behaltet diese Theater-Weisheit im Kopf: denkt über die Gründe nach, warum eine Idee funktionieren könnte – und lasst uns die Idee erst verwerfen, wenn sie keine realistische Lebenschance hat!“

Gründerin (grinst): „Also keine Rückkehr zum ‚Geht ohnehin nicht, weil‘-Denken, alright?“

(Allgemeines Nicken in der Runde)

Claudia: „Dann beginnt unsere nächste Story…. jetzt!“ 

Profilbild von Oliver Grytzmann
Oliver Grytzmann

ist Gründer von Candid Rhetorics und arbeitet mit Mittelständlern und Konzernen an ihrer Kommunikationskompetenz. Als Schauspieler und Public Speaker mit jeweils 6 Jahren Bühnenerfahrung stärkt er seine Kunden mit der Methode "Storytelling", um Inhalte zu kommunizieren, die tatsächlich Aufmerksamkeit erhalten und Handlungsmotivation generieren.

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